Literatur-Nachrichten

Der Unerschöpfliche

Rund 300 Bücher mit einer Gesamtauflage von 14 Millionen Exemplaren stammen von Anselm Grün. Doch zum Schreiben reichen dem Benediktinerpater sechs Stunden pro Woche. Die übrige Zeit nutzt er zu anderen, ebenfalls erstaunlichen Taten.

Die Glocken der Abteikirche rufen. Vögel hocken auf den Ziffern der Kirchenuhr und auf den Zeigern. Vier Türme, die in den Himmel ragen. So monumental die Ausmaße der Kirche sind, so schlicht ist ihr Inneres. Kein überflüssiger Zierrat. Eine Gruppe Mönche sammelt sich vorn im Chorraum zum Morgengebet, ein Gebirgszug schwarzer Kutten. Ihr Murmeln vermischt sich in der Weite des Raums zu einem Gebetsteppich, unentwirrbar. Schon mit 19 Jahren hat Anselm Grün sich für das Leben als Benediktiner entschieden, für das Regelmaß des Ora et Labora. 1964 ist er in das Kloster Münsterschwarzach eingetreten, wo er auch heute lebt. Es liegt in Franken, in der Nähe von Würzburg. Anselm Grün ist hier Cellerar – Verwaltungsleiter. Bei 80 Mönchen und knapp 300 Angestellten entspricht seine Aufgabe der Tätigkeit eines Geschäftsführers in einem mittelständischen Unternehmen. Darüber hinaus gibt er an fast jedem Wochenende Seminare für Menschen, die seelisch auftanken wollen. Und auch als Referent ist er heiß begehrt: An jedem zweiten bis dritten Abend in der Woche hält er einen Vortrag. Außerdem leitet er das sogenannte Recollectio-Haus am Ort, wo er sich um Geistliche kümmert, die in seelische Krisen geraten sind. Viele Aufgaben für einen Einzelnen, zumal vor dem Hintergrund eines Klosteralltags mit seiner strengen Zeiteinteilung. Das Universum des Anselm Grün Zur Abtei gehören rund 20 Werkstätten und Betriebe, wo die Mönche zusammen mit Lehrlingen und Angestellten arbeiten. Das Kloster muss sich von dem erhalten, was es erwirtschaftet. Es gibt Landwirte, Gärtner, Bäcker und Elektriker. Goldschmiede gibt es und Mechaniker, Buchhändler und Drucker. Es gibt Mönche mit Feuerwehrausbildung. Und den klostereigenen Vier-Türme-Verlag, in dem die meisten Bücher von Anselm Grün erscheinen. Die Geschichte von Münsterschwarzach reicht bis ins achte Jahrhundert zurück. Seit 1200 Jahren haben hier Benediktiner immer auf Vorhandenes aufgebaut. Das ist ganz wörtlich aufzufassen. Der Verlag zum Beispiel steht auf dem Grundstück eines ehemaligen Hühnerstalls; die Hängetreppe hinter dem Eingang soll noch an die Hühnerleiter erinnern. Links vom Verlag befindet sich seit Kurzem ein Steinlabyrinth, das man meditierend abschreiten kann – rechts eine Biogasanlage, die man deutlich riecht … „Trotz seiner vielen Verpflichtungen ist Pater Anselm von allen Mönchen derjenige, den ich telefonisch am besten erreiche“, sagt Sabine Friedel, die Leiterin der Presseabteilung. „Er steht 20 vor fünf auf, genau wie die anderen Mönche. Letzte Woche war er abends in der Schweiz, in Appenzell. Am nächsten Morgen, halb neun, hatte ich ihn schon wieder hier im Büro am Telefon. Beeindruckend!“ Wer nun vermutet, Anselm Grün schritte mit der Wucht eines Schwerathleten durchs Diesseits, liegt falsch. Nein – da kommt uns ein zarter, mittelgroßer Mann über den Flur des Verwaltungshauses entgegen. Keine Minute zu früh, keine zu spät. Er trägt Hemd, Pullover und Hose wie jedermann. Bloß auf Wunsch unseres Fotografen streift er später den schwarzen Habit darüber. Er strahlt natürliche Freundlichkeit aus – gelassen und selbstgewiss, flink und wach zugleich. Das Auffälligste an seiner Erscheinung ist der breite, helle Bart. Seit den 70er-Jahren rasiert er sich nicht mehr – um, wie er sagt, seine Unangepasstheit zu bekunden. Diesem unangepassten Bart begegnet man auf den meisten Fotos aus Münsterschwarzach. Pater Anselm bittet uns in sein Bürozimmer. Auf dem Schreibtisch herrscht schöpferische Unordnung. Kein Wunder bei einem Mann, der ständig zwei Dutzend Bälle gleichzeitig in der Luft hat. „Mehr körperliche Energie als andere Menschen habe ich bestimmt nicht“, antwortet er auf unsere Frage, wie er das alles schaffe. Aber die Ordensregel mit ihrer minutengenauen Einteilung der Gebets-, Arbeits- und Essenszeiten gebe ihm ein gutes Maß vor. „Das zeitlich begrenzte Tun ist immer das effizienteste.“ Vor allem lasse er sich nicht von Erwartungen anderer unter Druck setzen. So wie das heutzutage etwa viele Manager tun. Sie gehören zu jenen, die bei Anselm Grün Rat suchen: „Sie müssen ihr Plansoll erfüllen, sind innerlich unfrei. Erst wer aus inneren Quellen schöpfen kann, ist schöpferisch im eigentlichen Sinn. Erst dann macht die Arbeit Spaß. Für mich selber nenne ich das die Quelle des Heiligen Geistes.“ Ein Pater mit wirtschaftlichem Geschick Seit 1977 betreut Pater Anselm die Geschäfte des Klosters. Von da an hat es jährlich einen Überschuss gegeben. Er scheut nicht davor zurück, an der Börse zu spekulieren – ungewöhnlich für einen Mönch. „Im vergangenen Jahr hatten wir eine Rendite von 17 Prozent.“ Das Kloster, ein Ort der Gewinnmaximierung? Anselm Grün wiegelt ab: Reich zu werden sei das Letzte, was er verfolge. Aber Geld sei eben vonnöten: für die Bildungshäuser des Klosters, die Schule, für die Ausbildung der Lehrlinge, die Missionsstationen in Asien und Afrika. Und dann bringt er es auf den Punkt: „Geld soll den Menschen dienen – nicht umgekehrt. Allzu viele Menschen dienen dem Geld.“ Mit seinen Bestsellern ist Anselm Grün der weitaus berühmteste Mönch in Münsterschwarzach. Haben die anderen Brüder Schwierigkeiten damit? – „Ich will kein Star sein“, sagt er. „Ich bin in der Gemeinschaft wie alle anderen. Sie gibt mir Kraft. Ich habe keine Privilegien. Nach Möglichkeit nehme ich an allen Gebetszeiten teil.“ Und gibt doch zu, dass der Abt und die Mitbrüder es natürlich zu schätzen wissen, wenn ihr Cellerar verantwortlich wirtschafte. Für das Kloster sind seine Werke zur bedeutenden Einnahmequelle geworden. Anselm Grün schreibt seit 30 Jahren. Inzwischen hat er es auf rund 300 Bücher gebracht, die in einer Gesamtauflage von 14 Millionen Exemplaren verbreitet sind. Man kann ihn auf Koreanisch oder Kisuaheli lesen – und in rund 30 weiteren Sprachen. „Mein Schreiben sehe ich als Möglichkeit an, Menschen zu sich selber zu führen“, sagt er. Seine Themenpalette reicht weit. Da stehen Ratgeber für Manager neben der Auslegung von Heiligenlegenden. Da gibt es Lebenshilfe, Philosophisches, Bände mit Gebeten, Gedanken über Engel, über die Liebe, über Männer und Frauen. „Geerdete Spiritualität“ biete er an. Um gleich darauf einzuräumen: „Nicht alle meine Bücher haben dasselbe Gewicht. Aber ich bemühe mich immer um eine einfache, klare Sprache, die nicht bewertet. Menschen sollen sich in meinen Büchern nicht beurteilt vorkommen, sondern angesprochen.“ Im vergangenen Sommer war er wandern – eine Woche in der Steiermark zusammen mit zwei seiner Geschwister, eine weitere Woche im Großen Walsertal. „Früher habe ich meinen Urlaub oft gekürzt wegen der Arbeit, das mache ich heute nicht mehr.“ Inzwischen werde er fast überall erkannt. Von manchen gar als eine Art Guru verehrt, der alle Probleme lösen kann. Eine Rolle, mit der Anselm Grün sich jedoch ganz und gar nicht identifizieren kann: „Wenn ich mich als Heilsbringer definieren würde, wäre das nicht gut für mich. Ich möchte auf dem Weg bleiben. Ich darf mich nicht auf dem Erfolg ausruhen und mir sagen: ‚Die lesen meine Bücher, also alles bestens.‘“ Die Bücher entstehen in seiner Klosterzelle. Dienstags und donnerstags schreibt er, jeweils von sechs bis acht in der Frühe und an den Mittwochabenden ebenfalls zwei Stunden. „Das Schreiben hält mich lebendig und wach. Ich freue mich darauf. Ich habe immer konkrete Menschen vor Augen, wenn ich schreibe, und überlege mir: Was beschäftigt sie in ihrem Leben? Was kann ich ihnen mitgeben?“ Kafka hat das Schreiben einmal eine „Form des Gebets“ genannt. Ob Pater Anselm mit dieser Formel etwas anfangen kann, fragen wir ihn. „Durchaus. Wenn ich schreibe, betrete ich einen Raum der Stille, zu dem niemand Zutritt hat. Dort kann mich keiner verletzen. Beim Beten ist es ähnlich. Und übrigens auch beim Lesen. Wenn mir Menschen sagen: ‚Zum Lesen komme ich höchstens eine Viertelstunde am Tag‘, dann antworte ich: ‚Gut, aber in dieser Viertelstunde nimmst du dem Terror der Termine schon ein Stück weit die Macht. Du spürst dich anders – und das ist heilsam.‘ Diese Viertelstunde am Tag kann Veränderung bewirken. Eine Art Bibliotherapie, wenn Sie so wollen.“ Schließlich die Frage aller Fragen, die jemandem, der so viele Antworten parat hat, einfach gestellt werden muss: Zweifelt er nie? An Gott, an der Welt? „Doch, manchmal kommt das vor“, sagt er. „Aber dann spüre ich die Existenz Gottes wieder so überwältigend, dass sie stärker ist als alle Zweifel.“ Pater Anselm beendet unser Gespräch genau nach der vereinbarten Zeit. Keine Minute zu früh, keine zu spät. Nun geht er zur Kirche, zum Mittagsgebet. Text: Christian Dombrowski Fotos: Oliver Rüther Vita Anselm Grün wurde am 14. Januar 1945 in Junkershausen geboren. 1964 bestand er in Würzburg das Abitur und trat noch im selben Jahr in das Benediktinerkloster Münsterschwarzach ein. Er studierte Philosophie und Theologie; seine Promotion beschäftigte sich mit der Erlösungslehre von Karl Rahner. 1969 legte er die ewige Profess ab. Sein damaliger Abt wünschte ihn sich als Cellerar der großen Abtei. Anselm Grün nahm deshalb ein weiteres Studium auf – das der Betriebswirtschaft. Seit 1977 trägt er die finanzielle Verantwortung für das Kloster. Darüber hinaus hält er im Jahr etwa 150 Vorträge und gibt viele Kurse zu spirituellen Themen. Mit seinen etwa 300 Büchern zu Lebenshilfe, Glaubensfragen, Psychologie und Management ist er einer der gefragtesten christlichen Autoren der Gegenwart.

Titel

  1. Die hohe Kunst des Älterwerdens
    • VerlagVier Türme
    • ISBN 978-3-87868-661-3

    bestellen

  2. Klarheit, Ordnung, Stille
    • VerlagGräfe und Unzer
    • ISBN 978-3-8338-0537-0

    bestellen

  3. Der innere Raum
    • VerlagKreuz
    • ISBN 978-3-7831-2871-0

    bestellen

  4. Spiritualität
    • VerlagVier Türme
    • ISBN 978-3-89680-346-7

    bestellen

  5. Anselm Grüns Buch der Antworten
    • VerlagHerder
    • ISBN 978-3-451-29630-7

    bestellen

Kommentar schreiben

Wie in Foren üblich werden sexistische Äußerungen, persönliche Beleidigungen, Drohungen, Diskriminierungen, antisemitische und rassistische Aussagen und jede Art von strafbaren Äußerungen entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und in freundlichem Ton. Netiquette
Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

Ihr Kommentar

(E-Mail wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie diese Buchstabenfolge hier noch einmal ein:. Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination. TIPP: Zwischen Klein- und Großbuchstaben müssen Sie nicht unterscheiden.

* Pflichtfeld