Ausbilden lohnt sich: Quick-Wins für Ausbildungsbetriebe

Quick wins

„Der Fach- und Führungskräftebedarf in unserem Unternehmen kann nicht mehr gedeckt werden.“ Dies gaben über 60% der befragten Unternehmen in der Studie „Azubi-Recruiting Trends 2015“ an, die von der u-form Testsysteme GmbH & Co. KG durchgeführt und von Prof. Dr. Daniela Eisele (HSBA Hamburg School of Business Administration) wissenschaftlich begleitet wurde.

„Die Studie zeigt auf, dass sich mehr als die Hälfte der Bewerber für ein Unternehmen entscheiden und nicht mehr in erster Linie die Unternehmen für Bewerber.“, sagt Felicia Ullrich, Geschäftführerin der u-form Testsysteme GmbH & Co. KG. Hier würden sich die „Machtverhältnisse“ gerade umdrehen. Es zeige sich aber auch, dass den Jugendlichen, die stark von ihren Eltern unterstützt werden, ein Anteil von gut einem Drittel an Jugendlichen entgegen stehe, die wenig oder gar keine Unterstützung erhalten. „Hier herrscht ein ziemlich unfairer „Wettkampf“, den in meinen Augen viel zu viele vermeintlich schwache Jugendliche verlieren, nur weil die Eltern die Bewerbungsunterlagen vielleicht nicht sorgfältig Korrektur lesen. Das hier immer noch gut 20% der Jugendlichen durchs Raster fallen, werden wir uns zukünftig einfach nicht mehr leisten können.“

Die Studie bestätigt ebenfalls die Aussage, dass die junge Generation auf der Suche nach Sinn ist. „90% der Befragten würden auch trotz Lottogewinn oder Erbschaft eine Ausbildung machen. Der Beantwortung der Sinnfrage würden verständliche und zielgruppengerechte Darstellungen der Unternehmen und Ausbildungsinhalte nachkommen. Hier gibt es in meinen Augen noch erheblichen Nachholbedarf bei den Unternehmen. Die Betriebe sollten ihre Bewerber daher stärker als Kunden verstehen und sich ein Stück weit von der Idee der „eierlegenden Wollmilchsau“ als der perfekte Azubi verabschieden.“, sagt Ullrich weiter.

 

Wie können Arbeitgeber ihre Attraktivität gegenüber jungen Menschen steigern?

„Dass 93,44% der Bewerber und Azubis die Möglichkeit zu Zusatzqualifikationen während der Ausbildung mit „sehr attraktiv“ bewerten, hätten wir so nicht erwartet. Auch die auf Platz 3 der Beliebtheit liegenden „Auslandsaufenthalte“ während der Ausbildung waren eine Überraschung.“, so Ullrich. „Ebenfalls sehr beeindruckend war, wie sehr die jungen Menschen darum kämpfen, als ganzheitlicher Mensch mit der Vielzahl von Eigenschaften wahrgenommen zu werden. Das erklärt den hohen Prozentsatz bei Papierbewerbung als beliebteste Bewerbungsform in Kombination mit der unglaublichen Vielzahl von Kommentaren in den Freitextfeldern. Ich glaube gerade ob der Vielzahl der digitalen Angebote steigt der Wunsch nach Wertschätzung und nach Wahrnehmung des einzelnen Individuums.“

Dies bestätigt auch die Schilderung von Lisa Keil, ehemalige Auszubildende bei Osiander und Nachwuchssprecherin beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels: „Die Bewerbung bei OSIANDER war eine Initiativbewerbung, da ich von der Inhaberin der kleinen Buchhandlung in meiner Heimatstadt, bei der ich ein Schulpraktikum absolviert habe und mich danach für die Ausbildung entschieden habe, sehr viel Positives über die Ausbildung bei OSIANDER gehört hatte. Ich wurde zur Vorstellungsrunde eingeladen und bekam dann auch einen Ausbildungsplatz bei OSIANDER.“

Eine wirkliche Alternative zur Ausbildung gab es für Lisa Keil nicht. Nach der Schule wollte sie unbedingt etwas Praktisches machen und auf keinen Fall ein Studium beginnen. Ihre Entscheidung für den Buchhandel fiel schon recht früh, im Rahmen des BOGY-Praktikums in der elften Klasse. „Danach habe ich alle meine Zukunftspläne auch auf den Beruf konzentriert. Vor allem im Hinblick auf die Zukunftsperspektiven hätte es gar nicht besser laufen können.“

„Ich finde meine Auszubildenden eigentlich immer durch ein Schülerpraktikum, die sich danach für eine Ausbildung interessieren.“, sagt Franziska Bickel von der Buchhandlung Vogel in Schweinfurt. „Dies sind meist junge Frauen, die sowieso schon Kundinnen der Buchhandlung waren und den Mut gehabt haben direkt nach einer Ausbildung zu fragen.“

Die Wenigsten hätten daran eine große Erwartungshaltung, haben sich aber auch keine Gedanken über geringes Gehalt, schwierige Arbeitszeiten und den körperlichen Einsatz gemacht. „Bislang sind in meinem knapp dreißig Jahren, die ich ausbilde, aber nur zwei wegen der zu anstrengenden Tätigkeit abgesprungen. Alle anderen sind dabei geblieben und haben – oft nach einem Studium – gute Positionen in Buchhandel und Verlag ergattert. Mindestens fünf haben sich sogar selbstständig gemacht, fast alle mit recht großem Erfolg!“

 

Der Blick über den Tellerrand: Wie machen es andere Branchen?

Dr. Kerstin Emrich, ehemals Juniorprofessorin an der Universität Erlangen-Nürnberg im Bereich Buchwissenschaft, seit 2013 Pressesprecherin und Leiterin der Unternehmenskommunikation bei der Sparkasse Kulmbach-Kronach berichtet von einem kontinuierlichen Bewerberrückgang, der in diesem Geschäftsgebiet sicher auch bedingt sei durch den starken demografischen Wandel. „Banken und Sparkassen kämpfen vielerorts gerade um gute Auszubildende; dabei spielt neben der fachlichen Leistungsstärke auch die Persönlichkeit eine große Rolle. Wir wirken dem entgegen, indem wir uns kontinuierlich als Ausbildungsbetrieb und Arbeitgeber bereits frühzeitig ins Gespräch und in Erinnerung bringen.“

Auch im Buchhandel stehen u.a. verkäuferisches Talent und eine offene Kundenumgänglichkeit als Kompetenzen im Vordergrund – ähnlich wie in der Bankenbranche. „Bereits bei der Vorstellung sind uns diese Kompetenzen wichtig“, so Dr. Emrich. „Sogar noch zuvor, also bei persönlichen Gesprächen oder Präsentationen für Interessenten, stellen wir das Berufsbild und die Anforderungen lebendig und mit Beispielen vor. Die Arbeit mit und für unsere Kunden, also am ‚Markt‘, wird dabei in den Vordergrund gerückt. Im Laufe der Ausbildung stärken wir die angehenden Banker durch innerbetriebliche Unterrichte z.B. zur Verkaufsförderung und mit entsprechenden Trainings. Daneben ist uns die Persönlichkeitsentwicklung ein Anliegen, das wir ebenfalls nachdrücklich fördern.“

Den richtigen Kommunikationskanal und eine gute Ansprache hinsichtlich des Recruitings zu finden, stellt für viele Ausbildungsbetriebe eine enorme Herausforderung dar. „Dem Zeitgeist und dem Informationsverhalten entsprechend sind wir analog, persönlich und digital mit unserem Angebot präsent.“ Berichtet Dr. Emrich. „Ausbildungsmöglichkeiten bei der Sparkasse werden über Print- und Online-Anzeigen in regionalen Medien beworben. Daneben sind wir auf den lokalen Ausbildungs- und Berufsorientierungsmessen präsent. Außerdem nutzen wir unsere POS als Werbeträger in Form von Thekenaufstellern, Plakaten und Digitals-Signage-Monitoren. Eine wesentliche Stütze ist auch die enge Zusammenarbeit mit Schulen z.B. in Form von Betriebserkundungen, wo wir auch Arbeitgebermarketing betreiben, oder Schulpraktika. Wesentliche Multiplikatoren sind auch unsere Azubis selbst, die aktiv in Recruitingaktionen wie Messen und Bewerbertage eingebunden sind.“

Die wichtigsten Facts auf einen Blick

  •  Junge Menschen sind auf der Suche nach Sinn und wünschen sich Wertschätzung und Wahrnehmung.
  • Zusatzqualifikationen und Zukunftsperspektiven im Unternehmen sind attraktive Faktoren für die Wahl eines Ausbildungsbetriebs.
  • Je früher Sie sich als Ausbildungsbetrieb ins Gespräch bringen desto besser. Beginnen Sie bei sich vor Ort, indem Sie Ihre Kunden darauf aufmerksam machen.
  • Nicht nur die jungen Menschen selbst, sondern auch Eltern sollten Zielgruppe Ihres Ausbildungsmarketings sein, denn sie spielen bei der Suche eines Ausbildungsplatzes eine große Rolle.
  • Neben Print und Online Anzeigen eignen sich auch lokale Ausbildungs- und Berufsorientierungsmessen, um auf Ihren Betrieb aufmerksam zu machen. Auch eine Kooperation mit Schulen kann fruchtbar sein (Betriebserkundungen, Schulpraktika etc.).
  • Bestehende Auszubildende können Werbung für die Ausbildung in Ihrem Betrieb machen und so als Multiplikatoren auf Augenhöhe agieren.
  • Das Anbieten von Schülerpraktika kann Ihnen die Suche nach geeigneten Azubis erleichtern. Der ehemalige Praktikant weiß, worauf er sich einlässt und Sie ebenso.
  • Ausbilden ist eine Investition in die Zukunft unserer Branche. Nach Abschluss der Ausbildung bleiben die meisten Absolventen der Buchwelt erhalten und gestalten diese durch neue Ideen nachhaltig mit.