Buchtage 2016 - Auftaktrede

Buchtage Headerbild© Monique Wüstenhagen

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Eröffnung, Haus des Buches Leipzig
Donnerstag, 23. Juni 2016

Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels

- Es gilt das gesprochene Wort - 

Meine verehrten Damen, meine Herren, sehr geehrte Nina George, sehr geehrter Roland Reuß, liebe Kolleginnen und Kollegen, 

der Wert des Wortes bemisst sich nicht NUR daran, was dafür gezahlt wird, sondern vor allem an dessen Inhalt und an der Wirkung des Formulierten. Das Credo der Buchbranche lässt sich vor diesem Hintergrund in einfachen Worten zusammenfassen: Worte wirken, und Bücher bewegen Ideen. Dieses Credo schafft Identität, befördert Kreativität und motiviert. Es lässt keinen Zweifel am Wert der Worte.

„Das Wort und sein Wert“, unter diesem Titel stehen die Buchtage 2016. Ich begrüße Sie sehr herzlich im Haus des Buches in Leipzig.

Von welcher Bedeutung Worte und ihre Manifestation in Büchern für Politik und Gesellschaft sind, zeigen nicht zuletzt die Ereignisse und Entwicklungen der letzten Monate. So wurde im April die Gesetzesnovelle zur Buchpreisbindung vom deutschen Bundestag verabschiedet. Damit hat die Bundesregierung ein wichtiges Zeichen für die gesamte Buchbranche gesetzt. Es wurde klargestellt, dass die Buchpreisbindung ausdrücklich auch für E-Books gilt sowie für grenzüberschreitende Buchverkäufe an Verbraucher in Deutschland. Künftig ist es also nicht mehr möglich, die Buchpreisbindung zu umgehen. 

Auch der Deutsche Buchhandlungspreis dokumentiert die Wertigkeit von Büchern und der Buchhandelslandschaft. Er macht deutlich: Der stationäre Buchhandel leistet einen zentralen Beitrag zur Entwicklung der Gesellschaft. Für den Erhalt des Kulturgutes Buch sind Buchhandlungen als geistige Tankstellen unserer Nation unverzichtbar, sagte Kulturstaatsministerin Monika Grütters in ihrem Grußwort zur Vergabe des ersten Buchhandlungspreises. Konzipiert wurde er gemeinsam mit dem Börsenverein und der Kurt-Wolff-Stiftung. Jetzt läuft die zweite Runde. 

Selbst die erregt geführte Diskussion über das Urteil des Bundesgerichtshofs zur Verlegerbeteiligung bei der VG Wort und mögliche Konsequenzen gerade für kleinere unabhängige Verlage macht deutlich: Bücher sind zu viel wert, als dass es gleichgültig wäre, wie unsere Publikationslandschaft künftig aussieht. 

Worte haben ihren Wert. Daran besteht also kein Zweifel. Doch der Wert bemisst sich eben AUCH daran, was dafür gezahlt wird. Und hier wird das Problem sichtbar. 

Bis ein Satz formuliert ist, den man auch so stehen lassen will, kann es dauern. Erst setzt man sich mit Ideen, Analysen, Geschehnissen in der Realität oder in der Phantasiewelt auseinander, entwirft, was man sagen will, um es dann zu formulieren. Das kostet Zeit, Energie und damit Geld. Und darin ist noch nicht eingerechnet die Prüfung, ob es wirklich die richtigen Worte sind oder ob es noch bessere gibt, es ist noch nicht eingerechnet der Ort und die Form, wo und wie man den Satz öffentlich macht: in einem gedruckten Buch, einem Essayband, einem E-Book oder einer wie auch immer programmierten Wissensdatenbank. Auf Online-Plattformen, im stationären Buchhandel, auf Messen oder auf der eigenen Homepage.

Es sind also ziemlich viele Taten, die das Wort wertvoll machen und für die  – wie so schön im Gesetzestext formuliert – „angemessenes“ Honorar fließen sollte.

In der öffentlichen Debatte wird das Urheberrecht als Verbraucherrecht, nicht als Eigentumsrecht verstanden. Es stehen der gute Autor und der arme Verbraucher dem bösen und natürlich reichen „Verwerter“ gegenüber. Doch wer das Urheberrecht rein als Verbraucherrecht definiert, der verkennt: Ohne Lohn – keine Leistung, ohne Leistung – keine Worte. Und ohne Worte? Ein Verbraucher auf der Suche nach Inhalt.

Unsere Gesellschaft braucht eine unabhängige Verlags- und Buchhandelsstruktur. Sie ist Grundlage für die Meinungsbildung und gerade heute von großer Relevanz. Ohne diese Publikationslandschaft und ihre Akteure ist ein Meinungsbildungsprozess nicht möglich oder zumindest stark erschwert. Das gilt für den weltoffenen Roman ebenso wie für die sensible Reportage oder die hart recherchierte Analyse, für den Leitartikel einer Zeitung ebenso wie für das Debattenbuch eines Verlages. 

Wir sind konfrontiert mit Über- und Miss-Informationen, Nachrichten aus ungesicherten Quellen, lancierten Meldungen, Klatsch und Propaganda. Hier einzuordnen, zu hinterfragen, zu widerlegen, aufzuklären oder Hintergründe zu liefern, ist nicht nur die Aufgabe seriöser journalistischer Medien, sondern ist auch die Aufgabe von Buchverlagen und letztlich auch Buchhandlungen.

Unsere einzigartige Verlags- und Literaturlandschaft gehört zu den Grundpfeilern der Demokratie. Diese Demokratie ist zurzeit vielen Angriffen und geistigen Brandstiftern ausgesetzt. Von außen und von innen. Direkt und indirekt. Umso wichtiger ist es, dass dieser Grundpfeiler eine feste Größe bleibt. Und auch das geht nur mit „angemessener“ Honorierung.

Ich freue mich auf unsere beiden Gastredner zum Thema „Das Wort und sein Wert“: Nina George, Autorin, Journalistin und im P.E.N.-Vorstand für Urheberrecht zuständig, und Roland Reuß, Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Heidelberg und Initiator des viel diskutierten Heidelberger Appells für Publikationsfreiheit und die Wahrung des Urheberrechts.

An dieser Stelle habe ich in den vergangenen Jahren die Entscheidung des Stiftungsrats vorgetragen, wer denn die Friedenspreisträgerin oder der Friedenspreisträger des aktuellen Jahres sein wird. In diesem Jahr müssen Sie sich alle noch ein wenig geldulden, ich gebe die Entscheidung erst morgen zu Beginn der Hauptversammlung bekannt. Der Grund ist ein schlichter. Wir wollen auch in diesem Fall der wertvollen Nachricht die Geltung verschaffen, die sie verdient. Zum einen im Kreis unserer Mitglieder, zum anderen in den Medien. Doch dafür müssen wir das Ergebnis unserer Wahl früher am Tag verkünden. Und das können wir erst morgen.

Welche Bedeutung Worte haben können, das wird dann besonders deutlich, wenn ihr Publizieren bewusst eingeschränkt wird oder wenn man für Worte bestraft wird, so wie das bei den beiden türkischen Journalisten Can Dündar und Erdem Gül der Fall ist. Der türkische Journalist, Dokumentarfilmer und Buchautor Can Dündar ist Chefredakteur der überregionalen Tageszeitung Cumhuriyet, sein Kollege, der Journalist Erdem Gül, leitet das Hauptstadtbüro. Die beiden wurden im Mai 2016 wegen Veröffentlichung geheimer Dokumente verurteilt, Gül zu fünf Jahren Haft, Dündar zu fünf Jahren und zehn Monaten. Hintergrund der Anklage ist ein Bericht der Cumhuriyet aus dem Jahr 2015 über Waffenlieferungen der Türkei an syrische Extremisten.

Zusammen mit dem PEN-Zentrum Deutschland setzen wir uns in einer gemeinsamen Postkarten-Aktion für die beiden türkischen Journalisten ein. Die Karten sind an den türkischen Botschafter in Berlin adressiert. Der vorgedruckte Karten-Text lautet: „Sehr geehrter Herr Botschafter, Journalismus ist kein Verbrechen! Ich fordere Freiheit für Can Dündar und Erdem Gül!“. Wir starten die Aktion heute auf den Buchtagen. Und ich bitte Sie alle: Unterzeichnen Sie die Karte, werfen Sie sie in die dafür vorgesehenen Boxen und nehmen Sie ausreichend Karten für die Kolleginnen und Kollegen in Ihren Häusern oder für Ihre Buchhandelskunden mit.

Wir wollen damit ein Zeichen für das Wort und die Freiheit setzen. Kritische Berichterstattung, Dokumentation und generell die Ausübung der Meinungsfreiheit von Journalisten und Autoren ist die Grundlage eines jeden freien Landes, das muss auch für die Türkei gelten. Sonst entfernt sich das Land immer stärker aus dem Kreis freiheitlicher Gesellschaften.

Ich wünsche uns allen spannende Buchtage 2016!