Thesen zum Lesen

I. Das Abendland geht nicht unter, wenn der Spaßfaktor beim Lesen betont wird. Ganz im Gegenteil.
42 Prozent aller Jugendlichen gaben im Rahmen der PISA-Studie an, "überhaupt nicht zum Vergnügen" zu lesen. Damit liegt Deutschland international weit hinten. Lesekompetenz wiederum erwirbt man nur durch Spaß am Lesen.
II. Das Thema Vorlesen muss raus aus der Kuschelecke.
In Deutschland lesen zwei von drei Eltern ihren Kindern im ''besten Vorlesealter" - also zwischen 0 und zehn Jahren - niemals vor. Dabei legt regelmäßiges Vorlesen die Grundlage für so gut wie alles, was spätere Bildungsfähigkeit ausmacht - Sprachkompetenz und Lesefreude.

III. Lasst die Bibliotheken am Leben!
Deutschlands öffentliche Bibliotheken werden kaputt gespart; im Gegensatz zu vielen anderen Ländern besitzen wir kein bundesweites Bibliotheksgesetz, das eine vernünftige und stabile Finanzierung sichert.

IV. Goethe würde heute ein Weblog betreiben
Wer "Hohe Lesekultur" nur in dickleibigen Folianten sucht, verpasst Entscheidendes. Literarische Kultur im 21. Jahrhundert nutzt nicht nur souverän die elektronischen Medien; sie ist auch frecher, unkonventioneller und attraktiver als viele Kultur-Mulitplikatoren vermuten.

V. Im Land der Dichter und Denker bleiben in puncto Lesekultur Millionen Menschen "draußen vor der Tür".
Mit geschätzten vier Millionen erwachsenen Analphabeten hat Deutschland eine gewaltige Bildungsherausfordeung zu bewältigen - und geht diese bislang nur sehr halbherzig an. Wir müssen dringend in flächendeckende Bildungsprogramme investieren - für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Rolf Pitsch
Vorstandsvorsitzender der Stiftung Lesen
in: Worte Wirken, 2006