Fritz Pfeil (Pfeil Verlag)

"Was leisten Verlage? Da packt mich doch der göttliche Zorn!

Seit 23 Jahren rackere ich mich als wissenschaftlicher Verleger mit zunehmend ungebildeten und keiner Sprache mehr mächtigen Autoren ab. Hat je jemand gesehen, wie heutzutage ein wissenschaftliches Manuskript aussieht?

Ein aktuelles Beispiel, eine scheinbar simple Übersetzung eines Lehrbuches aus dem Englischen: Prof. A überzeugt mich vor 5 Jahren, dass diese Übersetzung notwendig ist. Der Verlag zahlt - natürlich sofort - die Rechte für die Übersetzung an den ausländischen Verlag. Nach zwei Jahren liegt die Übersetzung als Manuskript vor. Prof. A versichert, er habe den Text sorgfältig korrigiert, zwei Fachkollegen haben ebenfalls den Text korrigiert und Frau Prof. A - eine Germanistin . . . wer würde nicht einer Germanistin trauen? - hat den Text ebenfalls korrigiert. Die Texte in hunderten von Abbildungen sind ebenfalls übersetzt und werden vom Verlag in eine druckbare Form gebracht.

Kaum liegt der Korrekturausdruck des Verlags vor, teilt der ausländische Verlag mit, dass eine neue Auflage demnächst erscheinen wird. Nicht etwa eine einfache Neuauflage, nein, wir haben es ja mit einem wissenschaftlichen Lehrbuch zu tun, da ist es üblich, dass ganze Kapitel ausgetauscht werden, neue Abbildungen ersetzen alte und summa summarum, da liegt ein neues Buch und der Verlag stellt fest, sein Autor hat ein altes Buch übersetzt.

Also muß Prof. A die neue Auflage übersetzen. Wieder dauert es über ein Jahr und inzwischen haben natürlich alle potenziellen Interessenten längst die englische Ausgabe des Lehrbuches gekauft und für den Verlag stellt sich erneut die Frage, brauchen wir dieses Buch in deutscher Sprache? Ja, wir brauchen es.

Inzwischen stellt der Verlag fest, dass der korrigierte Text sehr viele Fehler enthält. Damit dies trotz vierfacher Korrektur (Prof. A, Frau Prof. A, zwei Fachkollegen) bei der neuen Übersetzung nicht wieder passiert, beschließt der Verlag, einen kompetenten Lektor einzuschalten. Der braucht zwei Monate und findet mehrere tausend !! Fehler. Er findet Fehler nicht nur bei der Übersetzung durch Prof. A, er findet sie auch im englischen Original. Es kostet viel Zeit, Mühe und Geld, alle diese Fehler auszubessern.

Längst ist das Projekt unwirtschaftlich geworden, also versucht der verzweifelte Verleger, Unterstützung zu bekommen. Druckkostenzuschuss - nein danke, eine Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche? Englisch ist doch Wissenschaftssprache. Für wen bitte? Nicht für Studenten, für die dieses hochkomplizierte Lehrbuch geschrieben wurde. Den Inhalt versteht man kaum auf Deutsch und auf Englisch versteht man nicht einmal, was man nicht versteht, das hat natürlich auch Vorteile.

Der Verlag opfert sich auf und schafft mit aller Hingabe eine Grundlage, damit ein spezielles (für größere Verlage längst als wirtschaftlich uninteressant abgelegtes) Fachgebiet ein modernes Grundlagenwerk bekommt. Und dann? Dann soll eine Bibliothek oder irgendein Institut hergehen können und einfach so das ganze Buch online verfügbar machen?

Glaubt irgendjemand wirklich, dass ein Verlag wie wir noch jemals einen Finger für einen Autor krumm machen würde? Ich könnte hunderte solcher Beispiele bringen. Wie kommen denn die schönen Abbildungen in unseren Büchern zustande? Wer ist denn so dumm und glaubt, der Autor hätte die Bilder so schön geliefert? Natürlich, viel zu viele glauben tatsächlich, jeder Wissenschaftler könnte sein Buch selber machen, aber für die ist ja auch der Zusammenhang von Milch und Kuh ein Mysterium und das Bier ist ein gelber Saft aus einer Kupfertrommel.

Dummheit und Ignoranz werden es wirklich schaffen, dass wir nicht mehr wissen, was wir wussten, weil für unsere Spatzenhirne das bisschen Internet ausreicht. Wem macht es eigentlich so sehr Spaß, das Engagement der letzten leidenschaftlichen Verleger kaputtzumachen? Wie kann man nur so dumm sein?"