Matthias Ulmer (Eugen Ulmer Verlag)

"Wozu, das ist wieder mal die Frage, braucht man eigentlich einen Verleger? Normalerweise ist das eine der Fragen, die von Auszubildenden gestellt wird, die sich auf ihr Bewerbungsgespräch nicht vorbereitet haben. Heute wird uns aber diese Frage von Politikern, vorzugsweise aus dem Finanz- oder Wissenschaftsministerium oder von Universitäts-Professoren gestellt. Hat sich an der Frage etwas geändert oder an den Fragenden? Ich rätsele noch.

Am Anfang ist der Kaktus. Und der sieht nicht gut aus. Da tut guter Rat not. Und den bekommt man nicht beim Doktor oder in der Apotheke, den bekommt man in der Buchhandlung.

Und weil in der Buchhandlung so etwa jeden zweiten Tag jemand steht, dessen Kaktus leidet, weiß der Buchhändler, was gebraucht wird. Von dem erfährts der Vertreter, und deshalb sitzt im Verlag kurz drauf ein Team von Mitarbeitern aus Lektorat, Vertrieb, Herstellung und lässt die Köpfe rauchen.

Warum nur? Man muss doch nur einen Kakteen-Spezialisten bitten, ein Buch zu schreiben? Ja, aber welchen? Und wie kann ich den jetzt davon überzeugen, dass er sein Wissen weitergeben soll, obwohl er keine Zeit und keine Lust hat und sich überhaupt viel mehr mit Kakteen beschäftigen will und überhaupt nicht gerne mit Büchern?

Alleingelassen beginnt unser Spezialist nun bei der botanischen Systematik, wendet sich der Geschichte der Kakteen zu, arbeitet die Gattungen alphabetisch ab und fügt an das Ganze schließlich ein kurzes Kapitel über Pflege an. So landet schließlich ein Päckchen mit 400 Manuskriptseiten auf dem Schreibtisch eines verzweifelten Lektors.

Hätte er nur... Ja, hätte er nur gleich von Anfang an dem Spezialisten gesagt, dass der Leser das alles gar nicht wissen will. Dass er eine Frage hat und möglichst schnell, verständlich, bunt und anregend darauf eine Antwort haben möchte. Ganz sicher möchte er nicht Botanik der Cactaceae und spezielle Phytopathologie studieren.

Jetzt muss der Lektor das Buch neu schreiben. Die Gliederung wird komplett neu sortiert. Weite Teile werden gestrichen. Andere muss der Autor ergänzen. Die nicht wirklich existente Rechtschreibung bekommt ein Rückgrat, Schachtelsätze werden aufgebrochen, ziellose Nebensätze heimgeholt. Teile werden gemeinsam mit einem Zeichner grafisch aufbereitet. Informationen werden zu Checklisten und Gebrauchsanweisungen kondensiert. Dann wird das Bildmaterial des Autors gesichtet und zu dessen großem Leid verworfen. Neue Abbildungen werden beschafft. Und schließlich wird dieser fast fertige Text didaktisiert, mit dem berühmten Roten Faden versehen, der Leserführung, mit einem Farbleitsystem, Kolumnentiteln, Rubriken und Marginalien.

Am Ende ist nicht selten das einzige was der Autor noch eindeutig wiedererkennt sein Name, der groß und prächtig auf dem Umschlag prangt. Stolz sitzt er zu Hause und wartet auf Rezensionen in der Weltpresse, macht dann und wann einen Kontrollgang durch die Buchandlungen. Zufrieden nimmt er zur Kenntnis, wenn sein Buch da ist, torpediert aber den Verlag mit bitteren Anrufen, weil er es im Museumsshop oder an der Tankstelle nicht finden kann, obwohl doch dort auch Bücher verkauft werden. Nicht immer gelingt es, dem Autor zu vermitteln, an welcher Ladentheke mit überdurchschnittlicher Wahrscheinlichkeit unser Minister auftaucht und fragt: Haben Sie was für kranke Kakteen? Und wenn es dem Kaktus dann wieder besser geht, dann schwört er auf den Autor: Guter Mann! Aber wozu waren noch mal Verlage gut?"