Preisträger 2009

 

 

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2009 an Claudio Magris

Copyright: Ulf Andersen

Der italienische Schriftsteller Claudio Magris ist am 18. Oktober 2009 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Die Verleihung fand vor rund 1.000 geladenen Gästen in der Frankfurter Paulskirche statt, unter ihnen Bundespräsident a.D. Richard von Weizsäcker und Wolf Lepenies, Friedenspreisträger 2006. Die Laudatio hielt der Historiker Karl Schlögel.

Anschauen:
Die Verleihung des Friedenspreises im ZDF


In seiner Dankesrede sprach Claudio Magris über die verborgenen Gesichter des Krieges. „Eine Grenze, die nicht als Durchgang, sondern als Mauer, als Bollwerk gegen die Barbaren, erlebt wird, bildet ein latentes Kriegspotenzial“, sagte Magris. Sei in seiner Jugend die Grenze eine Mauer gewesen, um den Osten, das andere Europa, auszuschließen, so seien es heute andere Grenzen, die den Frieden bedrohen. „Bisweilen unsichtbare Grenzen im Innern unserer Städte, zwischen uns und den Neuankömmlingen aus allen Teilen der Welt, die wir kaum wahrnehmen“, so Magris. Jedes Land habe seinen Osten, den es abzuwehren gelte. „Heute ist diese Grenze nicht aufgehoben, sondern nur verschoben, um einen anderen, noch östlicheren Osten auszuschließen“, sagte der Friedenspreisträger. Es sei in Europa eine Illusion, ohne Krieg zu leben.

Nachlesen:
Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2009 – Claudio Magris

Reden anlässlich der Verleihung des Friedenspreises
Hrsg. vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V.
im Verlag MVB Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels GmbH
Frankfurt am Main 2009
ISBN 978-3-7657-3086-3, 12,90 €
Zu bestellen unter 069/1306-550 oder vertrieb@mvb-online.de

Claudio Magris warnte vor einem neuen Populismus in Europa, der eine Gefahr für Demokratie und Frieden darstelle. „Der neue Populismus, der heutzutage mehr oder weniger überall in Europa umgeht, schafft (...) Demokratien ohne Demokratie“, so Magris. „Dieser Populismus ist eine schwammige gesamtgesellschaftliche Erscheinung, welche die unverbrüchlichen Grundwerte, jedes Gefühl für Recht und Unrecht, jeden Bezug zwischen dem Wohl des einzelnen und dem Gemeinwohl aufgibt. Ein Gefühl, das zwar nicht ausreicht, aber das zu haben notwendig ist, um wenigstens hoffen zu können, dass man Gerechtigkeit schafft und damit Frieden.“

Karl Schlögel hatte zuvor Claudio Magris als den Entdecker des „anderen Europa“ ins Zentrum seiner Laudatio gestellt. „Claudio Magris hat immer an der Grenze gearbeitet“, sagte Schlögel. „Die Grenze ist produktiv, wenn man sich auf die andere Seite einlässt.“ Er betonte: „Jetzt da Europa neu zusammengesetzt wird, kommt es auf jene Tugenden der civiltá mitteleuropea besonders an: die Paradoxe aushalten, die andere Seite mitdenken. Wenn sie sich verbinden mit dem Zauber des Golfs, den strengen Linien der Stadt Triest und der herben Schönheit Istriens, der Eleganz des weißen Schlosses von Miramare – umso besser. Europa kann nach dem 20. Jahrhundert eine Portion Schönheit und Zuversicht gebrauchen. Für dieses Geschenk danken wir Claudio Magris, und dafür ehren wir ihn.“

„Frieden versteht sich nicht von selbst. Er ist weder ein Geschenk der Natur, noch bloße Utopie“, sagte Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, in seiner Begrüßung. „Wo er anzutreffen ist, entsteht er durch uns selbst als ein Resultat unserer Kultur.“ Und wenn es ein Medium gebe, das für eine gelingende Kultur der Kulturenbegegnung maßgeblich sei, dann sei es die Sprache und die Literatur. „Nichts ist so wichtig auf dem Weg zum Frieden wie die Kunst, Kulturen füreinander zum Sprechen zu bringen – so temporär und zerbrechlich ein Anfang auch immer sein mag“, so Honnefelder. Claudio Magris sei als engagierter Dolmetscher und sprachmächtiger Interpret der Kulturen ein Mensch, der diese Kunst wahrhaft beherrsche.

Seit 1950 vergibt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Preisträger waren unter anderem Albert Schweitzer, Theodor Heuss, Astrid Lindgren, Václav Havel, Siegfried Lenz, Susan Sontag, Orhan Pamuk und im vergangenen Jahr Anselm Kiefer. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert.

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