Geschichte
Das 3. Internationale Russel-Tribunal prangert nach seiner Kritik am Vietnam-Krieg und den Menschenrechtsverletzungen durch das Apartheid-Regime Südafrikas Ende März 1978 Menschenrechtsverletzungen in der Bundesrepublik an und erörtert die sogenannten Berufsverbote.
Auf dem 8. Schriftstellerkongress der DDR wird Hermann Kant Ende Mai als Nachfolger von Anna Seghers zum neuen Präsidenten der Vereinigung gewählt. Kritische Autoren wie Christa Wolf und Stephan Heym werden nicht zum Kongress eingeladen.
In der Nähe von London wird im Juli das erste in vitro (im Reagenzglas) gezeugte Kind geboren.
Der ägyptische Staatschef Muhammad Anwar as Sadat und der israelische Ministerpräsident Menachem Begin einigen sich im September unter Vermittlung von US-Präsident Carter auf die Einleitung von friedensstiftenden Maßnahmen im Nahen Osten. Im Dezember erhalten sie dafür den Friedensnobelpreis.
Nach dem Tod von Papst Paul VI. wird am 26. August Kardinal Albino Luciano zu seinem Nachfolger als Papst Johannes Paul I. gewählt. Als er nach einer nur 34-tägigen Amtszeit stirbt, wählt das Konzil den polnischen Kardinal Karol Wojtyla zu seinem Nachfolger. Papst Johannes Paul II. ist seit 455 Jahren der erste nichtitalienische Papst.
Unterstützt von Guerillakämpfern der kambodschanischen Einheitsfront für die Nationale Rettung fallen Ende Dezember vietnamesische Truppen in Kambodscha ein. Damit wird das blutige Regime von Pol Pot vorerst beendet.
Verleihung
1978 wird die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren (1907-2002) mit dem Friedenspreis ausgezeichnet. Die Verleihung findet am Sonntag, den 22. Oktober 1978, in der Paulskirche zu Frankfurt am Main statt. Die Laudationes halten Hans-Christian Kirsch und Gerold Ummo Becker.
Der Stiftungsrat für den Friedenspreis hat Astrid Lindgren zur diesjährigen Trägerin des Friedenspreis gewählt.
Astrid Lindgren steht mit ihrem gesamten Werk beispielhaft für alle, die mit ihren Büchern Kindern in aller Welt als unverlierbaren Schatz die Phantasie schenken und ihr Vertrauen zum Leben bestärken. Neugier im Kind zu wecken, es kritisch zu machen gegenüber großen Worten und Parolen, ist genauso wichtig wie die Aufgabe, ihnen die Angst zu nehmen vor der Welt und der Zukunft.
Das Werk von Astrid Lindgren bedeutet keine Abkehr von der Wirklichkeit, keine Verführung zur Flucht in Träume. Sie führt ihren Lesern keine heile Welt vor, aber eine Welt, in der wie lachen und weinen, träumen, aber auch leben können. Ihre Bücher vermitteln Liebe und Wärme, bezaubern und verzaubern.
Einer Autorin, die behutsam, aber nachdrücklich zu Toleranz, Fairness, Verständnis und Verwantwortung erzieht, wird daher die höchste Auszeichnung, die der deutsche Buchhandel zu vergeben hat, zuerkannt.
Astrid Lindgren, geboren am 14. November 1907 auf dem Hof Näs in der Nähe von Vimmerby, Småland, beginnt nach der Schule eine Ausbildung als Sekretärin. Neben ihrer beruflichen Tätigkeit schreibt sie erste Geschichten, die in Zeitungen veröffentlicht werden. Von 1946 bis zu ihrer Pensionierung 1970 arbeitet sie im Verlag Rabén & Sjögren.
Ihren Vorsatz, niemals ein Buch zu schreiben, bricht sie 1944. Gleich ihre ersten Bücher Britt-Mari erleichtert ihr Herz und Pippi Langstrumpf werden mit Preisen ausgezeichnet. Im Laufe der Zeit erschafft sie berühmte Romanfiguren wie Michel aus Lönneberga, Kalle Blomquist, Karlsson vom Dach, die Kinder von Bullerbü oder Ronja Räubertochter. In ihren Büchern beschreibt sie nicht nur eine heile Welt, auch prekäre und provokative Themen greift sie immer wieder auf, setzt sich mit dem Tod von Kindern auseinander, prangert die Rassendiskriminierung an und macht die Sinnlosigkeit von Gewalt deutlich.
Ihre Rede Niemals Gewalt bei der Friedenspreisverleihung 1978 wird weltweit aufmerksam diskutiert. 1992 beendet die immer wieder für den Literaturnobelpreis vorgeschlagene Autorin das Schreiben. 1994 erhält sie den Alternativen Nobelpreis.
Astrid Lindgren stirbt am 28. Januar 2002 in Stockholm im Alter von 94 Jahren.
Aus der Rede
»Die Intelligenz, die Gaben des Verstandes, mögen zum größten Teil angeboren sein, aber in keinem neugeborenen Kind schlummert ein Samenkorn, aus dem zwangsläufig Gutes oder Böses sprießt.
Ob ein Kind zu einem warmherzigen, offenen und vertrauensvollen Menschen mit Sinn für das Gemeinwohl heranwächst oder aber zu einem gefühlskalten, destruktiven, egoistischen Menschen, das entscheiden die, denen das Kind in dieser Welt anvertraut ist, je nachdem, ob sie ihm zeigen, was Liebe ist, oder aber dies nicht tun.
›Überall lernt man nur von dem, den man liebt‹, hat Goethe einmal gesagt, und dann muß es wohl wahr sein. Ein Kind, das von seinen Eltern liebevoll behandelt wird und das seine Eltern liebt, gewinnt dadurch ein liebevolles Verhältnis zu seiner Umwelt und bewahrt diese Grundeinstellung sein Leben lang. Und das ist auch dann gut, wenn das Kind später nicht zu denen gehört, die das Schicksal der Welt lenken. Sollte das Kind aber wider Erwarten eines Tages doch zu diesen Mächtigen gehören, dann ist es für uns alle ein Glück, wenn seine Grundhaltung durch Liebe geprägt worden ist und nicht durch Gewalt.
Auch künftige Staatsmänner und Politiker werden zu Charakteren geformt, noch bevor sie das fünfte Lebensjahr erreicht haben – das ist erschreckend, aber es ist wahr.«