Preisträger 2010
Claudio MagrisAnselm KieferSaul FriedländerWolf LepeniesOrhan PamukPéter EsterházySusan SontagChinua AchebeJürgen Habermas

 

 

Die Preisträger

1977

Leszek Kolakowski

Geschichte

In der Tschechoslowakei wird Anfang Januar 1977 die Bürgerrechtsbewegung »Charta 77« gegründet. Sie veröffentlicht eine gleichnamige Resolution, in der die Regierung aufgefordert wird, die Menschen- und Bürgerrechte zu respektieren. Unter den Wortführern der Bewegung befinden sich der ehemalige Außenminister Jiri Hájek und der Schriftsteller Václav Havel. Sie werden immer wieder zu stundenlangen Polizeiverhören vorgeladen.
Ende Januar wird der Demokrat James Earl »Jimmy« Carter als 39. Präsident der USA vereidigt.
Frankreich entlässt Ende Juni seine letzte afrikanische Kolonie, Dschibuti, in die Unabhängigkeit. Stephen Biko erliegt am 12. September in Südafrika den Folgen von Folterungen und Misshandlungen durch die Polizei. Bei der größten Polizeiaktion in der Geschichte Südafrikas werden im Oktober mehrere oppositionelle Organisationen verboten und zahlreiche Schwarzen-Führer verhaftet.
Im April siedelt der Schriftsteller Reiner Kunze, der in der DDR starken Repressionen ausgesetzt war, in die Bundesrepublik über.
Im Juni erhält der Schauspieler Manfred Krug, der aufgrund seiner öffentlichen Kritik an der Ausbürgerung Wolf Biermanns zunehmend Repressalien ausgesetzt war, die Ausreisegenehmigung.
In der Bundesrepublik erreicht im »Deutschen Herbst« der Terror der »Roten Armee Fraktion« mit den Mordanschlägen auf Generalbundesanwalt Buback und den Bankier Ponto und mit der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer seinen Höhepunkt. Die Bundesrepublik befindet sich, so Bundeskanzler Helmut Schmidt, in der »schwersten Krise des Rechtsstaates«, als am 13. Oktober palästinensische Terroristen die Lufthansa-Maschine »Landshut« entführen, um die Forderung der Schleyer-Entführer nach der Entlassung inhaftierter RAF-Häftlinge zu unterstützen. Fünf Tage später gelingt es der Spezialeinheit des Bundesgrenzschutzes, GSG 9, die Maschine in Mogadischu / Somalia zu stürmen und die Geiseln zu befreien. Am selben Tag begehen die Terroristen Baader, Ensslin und Raspe in der Haft in Stuttgart-Stammheim Selbstmord. Tags darauf wird Hanns Martin Schleyer im Kofferraum eines Autos ermordet aufgefunden.

Verleihung

1977 wird der polnische Philosoph und Publizist Leszek Kolakowski mit dem Friedenspreis ausgezeichnet. Die Verleihung findet am Sonntag, den 16. Oktober 1977, in der Paulskirche zu Frankfurt am Main statt. Die Laudatio hält Gesine Schwan.

Begründung

Den Friedenspreis des Deutsche Buchhandels verleiht der Börsenverein im Jahre 1977 Leszek Kolakowski, dem politischen Philosophen, der die Tradition der abendländischen Denker fortsetzt, der nie bereit ist, an die Unbelehrbarkeit der Menschen zu glauben, für den Offenheit des Denkens und Mut zur Wahrheit Voraussetzung aller gedanklichen Existenz ist. Weder zerstörerischer Fanatismus noch Resignation sind ihm Möglichkeiten der Wandlung.

Leszek Kolakowski lehrt uns hoffen, daß Vernunft, Bereitschaft zum Dialog und Abkehr von Intoleranz zum friedlichen Ausgleich zwischen den Menschen und deren Ideologien und Dogmen führen wird.

Biographie

Der kritische Denker, geboren am 23. Oktober 1927 in Radom (Polen), studiert Philosophie und Theologie und wird 1953 als Privatdozent für Philosophie an der Universität Warschau habilitiert.
Ko³akowski, Mitglied der KP, fordert beharrlich eine Revision des Marxismus. Er wird 1956 mit seiner Befürwortung eines humanistischen Marxismus einer der Wortführer des »Polnischen Oktobers«. 1958 übernimmt er eine Professur an der Warschauer Universität.
In den folgenden Jahren distanziert er sich nach und nach vom Marxismus und wird schließlich 1966 wegen kritischer Äußerungen zu den aktuellen Zuständen aus der Partei ausgeschlossen. 1968 stellt er sich auf die Seite der protestierenden Studenten und muss daraufhin seinen Lehrstuhl aufgeben.
Im Dezember desselben Jahres reist er nach Kanada aus und lehrt später in Oxford, Yale und Chicago. Neben der Auseinandersetzung mit dem Marxismus geht es Kolakowski in den folgenden Jahren um die Frage nach der Letzt-begründung menschlichen Lebens. Abseits von Aufklärung und Säkularisierung sucht er in einem Reservoir mythischer Bilder und Anschauungen die eigentliche Begründung des menschlichen Daseins.
Leszek Kolakowski stirbt am 17. Juli 2009 im Alter von 81 Jahren.

Aus der Rede

»In allen Gefilden der menschlichen Welt, sowohl denen, die einen hortus deliciarum, als auch jenen, die mehr eine Strafkolonie in Erinnerung bringen, scheinen die aufeinanderstoßenden, sich gegenseitig anspornenden, haßgeladenen Ansprüche und Ressentiments uns in jedem Moment mit allvernichtender Explosion zu bedrohen; auf der anderen Seite verspricht uns unsere Gleichgültigkeit oder Flucht vor den Spannungen nur eine milde, stufenweise, fast unbemerkbare Apokalypse; wir suchen eine geheime Alchemieformel für das Fegfeuer, für ein Feuer, das reinigt und das den Schmerz nur mit Hoffnung bringt.
Niemand darf prahlen, so eine Formel entdeckt zu haben, und doch ahnen wir vage, daß wir uns nicht gänzlich vergebens bemühen, wenn wir sie in unserer philosophischen und religiösen Tradition aufstöbern wollen.
Auf unsicherem und sumpfigem Boden schreitend, irregehend, zurückkehrend, hier und dort herumkreisend, verfügen wir, um geistig zu überdauern, über wenige zuverlässige Orientierungszeichen, die sich alle auf einfache, längst bekannte Gebote und Verbote zurückführen lassen, worunter auch diese sind: Kampfbereitschaft ohne Haß, Versöhnlichkeitsgeist ohne Zugeständnisse im Wesen. In einer von Haß, Rachgier und Neid erfüllten Welt, die – weniger durch die Armut der Natur als durch unsere gargantueske Gefräßigkeit – uns enger und enger scheint, ist der Haß eines von jenen Übeln, von denen es plausibel ist zu sagen, daß sie durch keinerlei institutionelle Maßnahmen verdrängt werden können.
In diesem Fall, so dürfen wir ohne Lächerlichkeit vermuten, trägt ein jeder von uns, indem er dieses Übel in sich begrenzt, dazu bei, es in der Gesellschaft zu begrenzen, und vollbringt so in sich eine unsichere und brüchige Vorwegnahme eines erträglicheren Lebens auf unserem Narrenschiff.«

Bibliographie

Downloads

 1977 Reden Leszek Kolakowski (application/pdf 202.5 KB)
 Erziehung zum Hass, Erziehung zur Würde - Der Friedenspreis und der Deutsche Herbst 1977 (application/pdf 91.5 KB)

 

 

Börsenverein des Deutschen Buchhandels