Preisträger 2010
Claudio MagrisAnselm KieferSaul FriedländerWolf LepeniesOrhan PamukPéter EsterházySusan SontagChinua AchebeJürgen Habermas

 

 

Die Preisträger

2009

Claudio Magris

Der Stiftungsrat des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hat den italienischen Schriftsteller Claudio Magris zum diesjährigen Träger des Friedenspreises gewählt. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 18. Oktober 2009, in der Paulskirche statt und wird live im Zweiten Deutschen Fernsehen übertragen.

Begründung

Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleiht der Börsenverein im Jahr 2009 Claudio Magris und ehrt damit den italienischen Literaturwissenschaftler, Essayisten und Romancier, der sich wie kaum ein anderer mit dem Problem des Zusammenlebens und Zusammenwirkens verschiedener Kulturen beschäftigt hat. In zahlreichen Werken erzählt er von der Vielfalt der Systeme und Sprachen Mitteleuropas, von Eigentümlichkeiten und Gegensätzen. Erzählendes und Reflektierendes, Faktisches und Fiktionales verbindet Claudio Magris in seiner ganz eigenen literarischen Weise und hebt dabei hervor, wie kreativ die Verschiedenheit sein kann, wenn sie denn in ihrer Eigenart geachtet und beachtet wird. Dies führt zu einem Verständnis, das ihn zu einem streitbaren Gegner von Ausgrenzung und kulturellem Dominanzdenken gemacht hat. Claudio Magris tritt für ein Europa ein, das nicht allein unter ökonomischen Gesichtspunkten sein Selbstverständnis erreicht, sondern seine geschichtliche und kulturelle Tradition und Vielfalt bedenkt und darauf beharrt. Es ist das Verständnis eines Humanismus des Einzelnen, der von der mitteleuropäischen Kulturtradition abgeleitet ist und wird dem gerecht, was Claudio Magris ‚unser ironisches Gefühl für das Vielfältige’ nennt.

Biographie

Claudio Magris, geboren am 10. April 1939 im italienischen Triest, zählt zu den bedeutendsten Germanisten und brillantesten Kulturpublizisten Italiens und gehört in Europa zu den wichtigsten Literaten und Essayisten.
Nach dem Studium an der Universität von Turin und in Freiburg/Breisgau mit anschließender Promoti-on habilitiert Magris 1966 in Deutscher Literatur. Beruflich wird Magris vornehmlich in der akademischen Lehre tätig. Von 1968 bis 1970 arbeitet er als Ordinarius für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität Triest, an die er, im Anschluss an einen Ruf nach Turin, 1978 auf den Lehrstuhl für Deutsche Sprache und Literatur zurückkehrt. Bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2006 betreut Magris die Übersetzung vieler deutscher Autoren ins Italienische, darunter Arthur Schnitzler und Georg Büchner. Claudio Magris nimmt zudem als Essayist und Kolumnist des »Corriere della Sera« zu innen- und außenpolitischen Themen immer wieder Stellung. Von 1994 bis 1996 sitzt er als unabhängiges Mitglied eines Linksbündnisses für die Region Triest im römischen Senat und gründet gemeinsam mit Umberto Eco und anderen Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur im Jahr 2002 die Vereinigung »Libertà e Giustizia« (Freiheit und Gerechtigkeit), um eine kritische Position zur Politik der Regierung unter Silvio Berlusconi zu beziehen.
Große Aufmerksamkeit erlangt Claudio Magris aber vor allem durch seine literarische Tätigkeit. Im Mittelpunkt seiner Bücher steht die kulturelle und politische Vielfalt der europäischen Gesellschaft, für deren Beschreibung, besonders über das mythische europäische Mittelreich, dessen literarische Hauptstädte und ihre Bewohner, Magris zahlreiche Auszeichnungen erhält. Erste internationale Be-kanntheit erhält seine 1963 publizierte Dissertation »Der habsburgische Mythos in der österreichischen Literatur«, die in viele Sprachen übersetzt wird. Es folgen mit »Weit von wo« (dt. 1974) und »Die andere Vernunft« (dt. 1980) Arbeiten über Joseph Roth und E.T.A. Hoffmann. Mit dem gemeinsam mit dem Historiker Angelo Ara verfassten Essay »Triest, eine literarische Hauptstadt im Mitteleuropa« (dt. 1987), das mittlerweile als Standardwerk der Kulturgeschichte gilt, und seinem Buch »Donau. Biographie eines Flusses« (dt. 1988) wird Magris einem größeren Lesepublikum bekannt.
Seine Erzählung »Mutmaßungen über einen Säbel« (dt. 1986) behandelt die letzten Tage einer mit den Nationalsozialisten kollaborierenden Kosakenarmee, in der Wirklichkeit und Fiktion miteinander verschmelzen. Die Utopie einer Freundschaft, in der das Denken des einen das Leben des anderen verändert, schildert Magris in seiner mit viel Beifall bedachten Erzählung »Ein anderes Meer« (dt. 1992). Den wichtigsten italienischen Literaturpreis Premio Strega erhält Magris 1997 für sein Buch »Die Welt en gros und en détail« (dt.1999), in dem er melancholische Geschichten aus Triest und Umgebung miteinander verwebt. Sein Sammelband »Utopie und Entzauberung. Geschichten, Hoff-nungen und Illusionen der Moderne« (dt. 2002) wird als Erkenntnisgewinn für all diejenigen Leser angesehen, die sich auf den Dialog der Kulturen einlassen.
Aufsehen erregt sein 2005 veröffentlichter Roman »Blindlings« (dt. 2007), an dem Claudio Magris achtzehn Jahre arbeitet. Der Italiener Cippico, der zahlreiche Gräuel des 20. Jahrhunderts überlebt, spielt die Hauptrolle in einer verwickelten Geschichte über den Untergang der Illusionen; ein Roman, der die Weltgeschichte und private Geschichten in einem komplexen und poetischen Erzählstrom miteinander vermischt. In »Ein Nilpferd in Lund« (dt. 2009) versammelt Magris Geschichten, die er auf seinen zahlreichen und ausgedehnten Reisen durch ganz Europa erlebt.
Claudio Magris ist Mitglied in zahlreichen Vereinigungen, unter anderem in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Akademie der Künste (Berlin), Accademia delle Scienze (Turin) und in der Akademie der Schönen Künste (München). Für sein literarisches Werk und sein Engagement, die europäische Geschichte mit ihrer Vielfalt der Kulturen als Einheit zu begreifen, erhält er zahlreiche Auszeichnungen, darunter die Goethe-Medaille (1980), Manès-Sperber-Preis (1987), Humboldt-Forschungspreis (1992), Prix France Culture Etranger (1993), Premio Strega (1997), Würth-Preis für Europäische Literatur (2000), Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung (2001), Erasmus-Preis (2001), Prinz-von-Asturien-Preis (2004), Österreichischer Staatspreis für Europäische Literatur (2005), Kythera-Preis (2007), Walter-Hallstein-Preis (2008) und 2009 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Claudio Magris lebt im italienischen Triest und hat zwei Kinder.

Bibliographie

Monographien

»Ein Nilpferd in Lund. Reisebilder«
Aus dem Italienischen von Karin Krieger
Carl Hanser Verlag, München 2009 (orig. L’infinito viaggiare, 2005) 224 S.

»Blindlings«
Aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend
Carl Hanser Verlag, München 2007 (orig. Alla cieca, 2005), 416 S.; Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv Literatur 13732), München 2009, 416 S.

»Die Ausstellung«
Aus dem Italienischen von Hanno Helbing
Carl Hanser Verlag (Edition Akzente, orig. La mostra, 2001), München 2004, 64 S.

»Schon gewesen sein. Essere già stati «
Aus dem Italienischen von Marianne Frisch
Edition Korrespondenzen Reto Ziegler, Wien 2004 (deutsch und italienisch), 28 S.

»Utopie und Entzauberung. Geschichten, Hoffnungen und Illusionen der Moderne«
Aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend und Karin Krieger
Carl Hanser Verlag, München 2002 (orig. Utopia e disincanto, 1999), 368 S.

»Der habsburgische Mythos in der österreichischen Literatur«
Aus dem Italienischen von Madeleine von Pásztory
O. Müller Verlag, Salzburg 1966, 355 S.; Paul Zsolnay Verlag, Wien 2000 (neue, durchgesehene Ausgabe, orig. Il mito absburgico nella letteratura austriaca moderna, 1963), 416 S.

»Die Welt en gros und en détail«
Aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend
Carl Hanser Verlag, München 1999 (orig. Microcosmi, 1997), 340 S.; Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv Literatur 13177), München 2004, 336 S.

»Vier seltsame Leben«
Aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend
AER Edizioni, Bozen 1995 (orig. Quattro vite bizzarre, 1995), 64 S.

»Wer steht auf der anderen Seite? : Grenzbetrachtungen«
Aus dem Italienischen von Renate Lunzer
Residenz Verlag, Salzburg/Wien 1993, 29 S.

»Ein anderes Meer«
Aus dem Italienischen von Karin Krieger
Carl Hanser Verlag, München 1992 (orig. Un altro mare, 1991), 120 S.

»Donau. Biographie eines Flusses«
Aus dem Italienischen von Heinz-Georg Held
Carl Hanser Verlag, München 1996 (Neuauflage von 1988, orig. Danubio e Post-Danubio, 1986/1995), 484 S. Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv Sachbuch 34418), München 2007, 496 S.

»Der Ring der Clarisse: großer Stil und Nihilismus in der modernen Literatur«
Aus dem Italienische von Christine Wolter
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1987 (orig. L’anello di Clarisse, 1984), 480 S.

»Triest. Eine literarische Hauptstadt in Mitteleuropa« (mit Angelo Ara)
Aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend
Carl Hanser Verlag, München 1987 (orig. Trieste: un’identità di frontiera, 1983), 299 S.; Paul Zsolnay Verlag, Wien 1999, 299 S.; Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv Sachbuch 34175), München 2005, 304 S.

»Mutmaßungen über einen Säbel«
Aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend
Carl Hanser Verlag, München 1986 (orig. Illazioni su una sciabola), 1984, 78 S.

»Die Stadt aus Papier. Triest und seine Literatur«
Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1985, 33 S.

»Die andere Vernunft: E.T.A. Hoffmann«
Aus dem Italienischen von Paul Walcher und Petra Braun
Hain Verlag, Königstein/Ts. 1980 (orig. L’altra ragione: Tre saggi su Hoffmann, 1978), 118 S.

»Der unauffindbare Sinn: zur österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts«
Verlag Carinthia, Klagenfurt 1978 (Klagenfurter Universitätsreden, Heft 9), 28 S.

»Weit von wo. Verlorene Welt des Ostjudentums«
Aus dem Italienischen von Jutta Prasse
Europa Verlag, Wien 1974 (orig. Lontano da dove: Joseph Roth e la tradizione ebraico-orientale, 1971), 381 S.


Weitere Texte

»An GRENZEN. Literarische Erkundungen«
Mit Beiträgen von Claudio Magris et al., herausgegeben von Julia Genz, Mirjam Schneider und Sebastian Wogenstein
M. Wehrhahn Verlag, Hannover 2007, 144 S.

»Mozarts Zauberkutsche. Neue literarische Nachschriften«
Mit Beiträgen von Claudio Magris et al., herausgegeben von Arnulf Knafl
Folio Verlag, Wien/Bozen 2006, 311 S.

»WasserKunstWelten. In der Künstlerstadt Gmünd«
Mit Beiträgen von Claudio Magris, Raoul Schrott, Peter Greenaway und Valie Export
Ritter, Klagenfurt 2006, 176 S.

»Ein Mann wird älter« von Italo Svevo
Herausgegeben von Claudio Magris, Gabriella Contini und Silvana de Lugnani
Rowohlt Verlag (rororo 13523), Hamburg 2003 (Neuauflage), 362 S.

»Wassergrün. Eine Kindheit in Istrien « von Marisa Madieri
Mit einem Nachwort von Claudio Magris
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2004, 160 S.

»Es liegt was in der Luft. Die Himmel Europas«
Mit Beiträgen von Claudio Magris et al., herausgegeben von Gerhard Melzer
Literaturverlag Droschl, Graz 2003, 160 S.

»Zeno Cosini« von Italo Svevo
Herausgegeben von Claudio Magris, Gabriella Contini und Silvana de Lugnani
Rowohlt Verlag (rororo 13485), Hamburg 2004 (Neuausgabe), 634 S.

»Der Würth-Preis für Europäische Literatur. 1. Preisverleihung 1997 an Hermann Lenz. 2. Preisverleihung 1999 an Claudio Magris«
Mit Beiträgen von Walter Döring, Jürgen Wertheimer, Peter Handtke, Hermann Lenz, Klaus von Trotha, Harald Unkelbach, Anna M. Carpi, György Konrád, Claudio Magris und Reinhold Würth
Swiridoff Verlag, Künzelsau 2000, 48 S. (Bd.1), 39 S. (Bd. 2)

»Der geduldige Planet. Eine Weltgeschichte. 255 Fotografien aus der Zeitschrift "du"«
Von Dieter Bachmann und Daniel Schwartz, mit einem Vorwort von Claudio Magris
Du Kulturmedien, Rapperswil 1996, 288 S.

»Sarajevo Marlboro« von Miljenko Jergovic
Mit einem Vorwort von Claudio Magris
Folio Verlag, Wien/Bozen 1996, 128 S.

»Der Mediterran. Raum und Zeit des Mittelmeerraums« von Predrag Matvejevic
Mit einem Vorwort von Claudio Magris
Ammann Verlag, Zürich 1993, 308 S., zahlr. Abb.

»Direttissimo Roma – Berlin. Italienische Autoren des 20. Jahrhunderts reisen nach Berlin«
Mit Beiträgen von Claudio Magris et al., herausgegeben von Barbara Brunn und Birgit Schneider
Das Arsenal, Berlin 1988, 256 S., zahlr. Abb.

»Transversale. Spurensicherungen in Mitteleuropa« von Roman Schnur
Mit einem Vorwort von Claudio Magris
Karolinger Verlag, Wien 1988, 175 S.

»Über Elias Canetti: Hüter der Verwandlung. Beiträge zum Werk von Elias Canetti«
Mit Beiträgen von Susan Sontag, Claudio Magris und Salman Rushdie
Carl Hanser Verlag, München 1985, 304 S.

»Borges und ich. Gedichte und Prosa«
Band 6 von » Gesammelte Werke in neun Bänden« von Jorge Luis Borges
Mit einem Nachwort von Claudio Magris
Carl Hanser Verlag, München 1982, 164 S.

Laudator

 Karl Schlögel

 

 

Börsenverein des Deutschen Buchhandels