Dossier Webdesign
- Fehler finden und verhindern
- Produktivkraft Leser
- Bewegende Bilder
- Die erste AdWord-Kampagne
- Neue Geschäftsmodelle für Verlage
Seit das Stichwort Web 2.0 durch die Online-Szene geistert, ergehen sich die meisten Gestalter in technischen Experimenten. Die Risiken schlechter Benutzerführung sind mannigfaltig, der Mehrwert für den Nutzer häufig fragwürdig.
Zu einer guten Website eines Verlags gehören banale Formalitäten wie zum Beispiel ein Impressum, ein Kontaktformular oder eine Anfahrtsbeschreibung zum Verlagsgebäude. Site-Elemente, die sich kaum verändern, und an denen Sie und Ihr Webdesigner – Hand aufs Herz – seit Jahren nicht mehr gearbeitet haben.
Und das ist gut so. Derzeit rennen zahlreiche Web-Gestalter wie aufgescheuchte Hühner durch die Flure und verbreiten die frohe Kunde von Web 2.0, von Mashups und RSS und natürlich von AJAX. Die letzten drei Begriffe markieren den technischen Teil des ersten. Hinzu kommt noch der soziologische: das Web 2.0 ist das Mitmachweb, in dem die Nutzer alles kommentieren, sortieren und bewerten dürfen und in dem ein guter Website-Betreiber aus diesen Informationen Mehrwerte für seine Site generiert.
Was ist AJAX?
Doch bleiben wir zunächst im technischen Bereich. AJAX bezeichnet eine Sammlung schon erprobter Online-Techniken, die im Wesentlichen dabei helfen sollen, Inhalte innerhalb einer einzelnen Seite zu verändern, ohne dass die Seite komplett neu geladen wird. Die Technik wird gerne für so genanntes Live-Filtering eingesetzt: Der Nutzer kann mit Schiebereglern ein angebotenes Sortiment nach seinen Bedürfnissen einschränken. Sie findet sich auch bei Dateneingaben etwa bei Suchmasken, wenn die Website mögliche Eingaben vorwegnimmt und – und hier liegt der große Vorteil – natürlich in korrekter Rechtschreibung überträgt. Eine solche Funktion heißt TypeAhead.
Ohne zu tief in die Technik zu gehen, lässt sich für AJAX sehr vereinfacht sagen, dass die Technik ein paar nette Komfortfunktionen liefert, den ganz großen Nutzenbeweis aber noch schuldig geblieben ist. Ob ein Filter direkt per Schieberegler wirkt oder wie bisher durch das Laden einer neuen Seite arbeitet, macht keinen ganz großen Unterschied. Klar ist: Mit AJAX lassen sich Anwendungen entwickeln, die in der Funktionsweise eher an Desktop-Software erinnert als an Webseiten und das kann das Gefühl erzeugen, dass die Nutzung nahtlos funktioniert.
Genau darin liegt aber auch ein großes Problem: Der Nutzer hat in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren gelernt, wie Online-Anwendungen funktionieren und jetzt wird plötzlich alles anders? Der Nutzer kann Elemente auf der Seite verschieben, Texte in der Seite ändern oder Suchergebnisse live filtern, ohne neue Seiten zu laden. Das muss dem Nutzer erklärt oder gezeigt werden und zwar überdeutlich. Klare Funktionsbeschreibungen und die Verwendung bekannter Symbole (das „Schließen“-Kreuz rechts oben) entscheiden über den Erfolg der neuen Technik. Wenn Sie mit diesen Programmen arbeiten, sollten Sie also auf jeden Fall die Nutzerzahlen im Blick behalten und Usability-Tests durchführen, um wenigstens die großen Probleme zu erkennen.
Mashups und RSS
Spannender als das rein technische Prinzip AJAX sind Mashups und RSS, denn beide zielen darauf, Inhalte von der eigenen Website zu lösen und in anderem Kontext neu darzustellen. Dieser andere Kontext können andere Websites sein (Mashups), die zum Beispiel unterschiedliche offene Quellen einfach mischen. Häufig wird zum Beispiel Google Maps eingesetzt um Standorte anzuzeigen. Das an sich gute Prinzip birgt zwei gravierende Problemquellen: Google Maps ist unübersichtlich, weil entweder der Ausschnitt zu klein oder die Inhaltsdichte zu groß ist. Es kann keinesfalls eine gut gestaltete Wegbeschreibung in Form einer Grafik oder eventuell als druckfertiges PDF ersetzen.
Zweitens ist Google Maps häufig recht langsam und bremst somit die Performance Ihrer Website. Das gilt übrigens für viele Datenströme, die Ihnen zum Einbau in die Seite angeboten werden. Auch Videos von YouTube oder Sevenload, die Sie auf den eigenen Seiten einbauen, machen Ihr System eventuell unnötig träge.
Auch RSS wird gerne in Form von MashUps eingesetzt. Es handelt sich dabei um ein Datenformat, dass vom Nutzer selbstständig abonniert werden kann. Die Daten kommen also zum Benutzer und müssen nicht darauf warten, dass der User eine Website aufruft. Im Gegensatz zum eMail-Newsletter, kann der Nutzer einen bestellten Datenstrom auch einfach wieder kündigen, ohne seine Mailadresse preisgegeben zu haben.
RSS ist ein spannendes Format, um Nutzer über Aktivitäten in spezifischen Segmenten (z.B. Neuerscheinungen in einem Genre) auf dem Laufenden zu halten. Es bietet aber auch dem einzelnen Autor die Möglichkeit, mit den Lesern in Kontakt zu bleiben. Blogs, also Online-Tagebücher, verteilen Ihre Inhalte per RSS. Auf http://paulocoelhoblog.com/ können Sie den Datenstrom des brasilianischen Bestsellerautors abonnieren.
Der direkte Draht zum Leser und Buchhändler
Das Beispiel Paulo Coelho ist bestens geeignet, um die viel wichtigere soziale Dimension des Web 2.0 in den Vordergrund zu rücken. Der Brasilianer kommuniziert intensiv mit seiner Fangemeinde, lässt sie an Neuentwicklungen frühzeitig teilhaben und fordert Feedback ein. Angst vor der Kanibalisierung seiner Buchverkäufe gibt es nicht, vielleicht ist es ihm auch egal.
RSS und andere Formate wie Twitter sind nur technisches Vehikel, um eine emotionale Bindung zu anderen Nutzern aufzubauen. Und auch im WebDesign nutzen immer mehr Unternehmen und Agenturen, die neu gewonnen Freiheiten in puncto Ladezeiten (DSL-Zugänge) für die emotionale Aufladung bislang blutleerer Auftritte. Großformatige Bilder zieren den Hintergrund der Layouts bis hin zum bildschirmfüllenden Motiv. Sehenswert auch das Video im Hintergrund auf der Agentur-WebSite von Syzygy.
Inzwischen hat die WebDesign-Szene verstanden, dass derlei Experimente zwar spannend sein können, die grundlegende Navigation für zielbewußte Besucher aber nicht behindern dürfen. Branchenriese Amazon experimentiert zwar mit einem ganz neuen Interface auf www.windowshop.com, doch ist davon auszugehen, dass ein solcher Ansatz niemals die Hauptwebsite schmücken würde.


