Eröffnungsrede Leipziger Buchmesse 2010
Prof. Dr. Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels
Es gilt das gesprochene Wort.
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Tillich,
lieber Herr Oberbürgermeister Jung,
lieber György Dalos, liebe Kolleginnen,
liebe Kollegen,
meine Damen,
meine Herren.
"Dieser Messe aber war es vorbehalten, die Bahn zu brechen, das Wort erwuchs zur Tat." Mit solch herrlichem Pathos der Zeit verkündete im Frühjahr 1825 der erste Vorstand des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in der Leipziger Universität die Erfüllung lang gehegter Korporationswünsche: Der Börsenverein war gegründet - das geschah vor 185 Jahren und es geschah in Leipzig. Deutschlands Verleger und Buchhändler schauen auf eine lange Freundschaft zu Leipzig, auch wenn oder gerade weil sich die Medienwelt seit Jahrzehnten wandelt.
Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts war die Welt der Verleger und Buchhändler noch in Ordnung. Das Telefon war die jüngste technische Innovation. Paul Valery berichtet in Tanz, Zeichnung und Degas, was dem Maler Edgar Degas mit der neuen Telefontechnik - heute würden wir sagen "mit der neuen Medientechnologie" - widerfuhr: Ein wohlhabender Freund hatte sich in seinem neuen Haus ein solches Telefon installieren lassen. Um Edgar Degas zu beeindrucken, lud er ihn zum Mittagessen ein, nachdem er zuvor mit seinem Diener verabredet hatte, er möge ihn während des Essens am Apparat verlangen. Ein paar Worte werden gewechselt, der Freund kommt erwartungsvoll zurück: "Nun, Verehrter, was sagen Sie dazu?" Darauf Degas: "So so, … das also ist das Telefon? Man schellt Ihnen, und Sie rennen."
Der Maler bedachte nicht nur die technische Errungenschaft, sondern hatte auch deren Wirkung auf uns selbst im Blick.
Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts war die Welt der Verleger noch in Ordnung. Die Rolle der Literatur und der Information für Wissenschaft und Gesellschaft stand fest: Leitendes Medium war das Buch; wohl definiert war der Kreis seiner Käufer und Nutzer, der Markt war in kontinuierlichem Wachstum begriffen. Max Weber verstand das Wissen als Fähigkeit zu sozialem Handeln, die Produktion vollzog sich in bildungsbürgerlicher Routine nach den humanistischen Idealen der Universitäten und der wissenschaftlichen Gesellschaften.
Dass einhundert Jahre später die Dynamik der Wissensproduktion der dominante gesellschaftliche Steuerungsmechanismus sein sollte, war den Beteiligten noch nicht vorstellbar. Auch nicht, dass die öffentliche Debatte nicht mehr mit der Wissensproduktion korrespondieren sollte.
Kulturen, meine Damen und Herren, haben sich stets mit ihren Medien entwickelt und verändert; sie haben ihre eigenen technischen Möglichkeiten hervorgebracht. Und umgekehrt haben neue technische Möglichkeiten auf die Gestalt von Wissenschaft und Kultur und deren Entwicklung zurückgewirkt.
Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts bereits konnte all das, was der Buchdruck an Informationen produzierte, von seinen Nutzern bei Weitem nicht vollständig zur Kenntnis genommen werden. Doch angesichts des heutigen, nie da gewesenen Angebots an Informationen und der immer tiefer werdenden Kluft zwischen diesem Angebot, dessen Mehrwerten und den maschinellen Suchleistungen auf der einen Seite und der menschlichen Merk- und Vergessensfähigkeit auf der anderen zeichnet sich ein Drama der Technik ab, das in dieser Weise noch nicht erlebt wurde. Wenn Google bald das gesamte überlieferte Schriftenmaterial der Bibliotheken digitalisiert hat, wird das Zeitbudget der Nutzer - so überlegte Henning Ritter schon vor Jahren - nicht ausreichen, einen anderen Gebrauch davon zu machen, als ihre Erzeugnisse wiederum ins Internet zu stellen und zum Objekt von intelligenten Suchoperationen zu machen.
Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts waren Bücher allesamt schön gebunden. Später kamen zu den Hardcovern die Taschenbücher, dann kamen die Hörbücher, und jetzt kommen - erst zögerlich, mittlerweile aber immer selbstbewusster - die digitalen Bücher, die E-Books. Zaubertafel und Wunschmaschine - die Welt bestaunt in diesen Tagen das iPad von Apple, der Medienwirbel nimmt epische Ausmaße an, und der Buchmarkt wird einmal wieder durch einen massiven Ruck erschüttert. Anfang April kommt das iPad in den USA auf den Markt, Ende April in Deutschland. Ist dann das Buch tot?
Kassandra ist hartnäckig. Sie war dabei, als das Radio eingeführt wurde, das Fernsehen, der Computer, die ersten Downloads. Längst ist ihrer Prophezeiung nach das Buch als Medium an seine Grenzen gestoßen, längst treten die neuen Medien als seine rechtmäßigen Erben auf.
Geschehen aber ist bislang wenig. Statt des vorhergesagten und befürchteten Untergangs des gedruckten Buchs - Marshall McLuhans berühmte Prophezeiung vom Ende der Gutenberg-Galaxis wird inzwischen ein halbes Jahrhundert alt - verzeichnen wir Jahr für Jahr eine kontinuierliche Ausdehnung der deutschen Bücherwelt. Im vergangenen Jahr ist der Umsatz mit Büchern in Deutschland wieder einmal gewachsen - um immerhin 2,8 Prozent, und das im Jahr der Wirtschaftskrise. Bislang also haben die laufenden Bilder und deren Algorithmen den gedruckten Text - sieht man einmal von kurzlebigen Informationen ab - nicht substituiert. Sie scheinen ihn vielmehr zu umgeben, ihn zu ergänzen und in seiner Wirkung zu intensivieren. Und umgekehrt.
Ist jetzt ein Punkt gekommen, an dem das Blatt sich wendet? „Das Buch ist tot“, soll auch Apple-Chef Steve Jobs gesagt haben. Immerhin: erstmals scheint ein Gerät auf den Markt zu kommen, das das leistet, was Leser und Käufer wollen. Eine Belebung, ein neuer multimedialer Aufbruch scheint durch Apple möglich, auch wenn das geschlossene System von Hardware, Software und Inhalten von den Marktteilnehmern durchaus und nicht zu Unrecht mit einer gesunden Skepsis betrachtet wird.
Keine geringen Änderungen stehen der Buchbranche also ins Haus: Die Verlagswelt sieht im iPad das formschöne, handschmeichlerische und komfortable Lesegerät für kostenpflichtige Inhalte, die der Verlag im Auftrag des Autors generiert hat. Der stationäre Buchhandel vermutet hinter dem gleichen iPad das Ende seines Geschäftsmodells. Schließt der Vertriebsweg online den stationären Buchhandel als Handelsstufe aus? Die Frage ist berechtigt. Wer künftig ein Gerät wie das iPad nutzen wird - und das kann jedermann -, wird sich – wie es in wissenschaftlichen Zusammenhängen schon seit Jahren der Fall ist - seine digitalen Texte direkt und komfortabel als Download besorgen können. Braucht er den Buchhandel dazu? Wer überbrückt die Kluft zwischen der Fülle des Angebots und einer endlichen Rezeptionsfähigkeit des Lesers?
Gleichzeitig schaut die deutsche Buchwelt derzeit auf die Vereinigten Staaten, wo durch die beginnende Auflösung von Monopolen der digitalen Anbieter die Stellung von Autoren und Verlagen – man nennt sie Content-Anbieter - weltweit wieder gestärkt wird. Immerhin musste der Handelsriese Amazon am Beispiel des Verlags MacMillan verblüfft erkennen, dass Buchverlage Herren ihrer Produkte sind und damit trotz aller Nachfragemacht auch deren Preise festlegen.
Welches Ausmaß wird der E-Book-Markt haben? Wird das gedruckte Buch durch diese Entwicklung in essentiellen Bereichen substituiert? Werden wir nur noch in geschlossenen Systemen lesen und Bücher erwerben? Brauchen wir den stationären Buchhandel nicht mehr? Brauchen wir die Öffentlichkeit nicht mehr, die durch die Vielfalt der Bücher und des Buchhandels Tag für Tag garantiert wird?
Totgesagte leben länger. Denn was geschieht wirklich? Der Begriff des Buches erweitert sich, die Grenzen werden durchlässiger und damit die Aufgaben der Verleger, der Buchhändler und auch der Leipziger Buchmesse.
Sie stellen für Inhalte die Verbindung her von bleibender Dauer, inhaltlicher Orientierung und von Transparenz. Sie sichern diese Inhalte, ordnen immer schnellere Innovationen ein, bewerten sie und machen sie der Öffentlichkeit zugänglich. Das sind zentrale Kompetenzen. Leser und Käufer verlangen sie auch oder gerade in Sachen digitaler Bücher vom Buchhandel. Besinnt er sich auf seine Stärken – und das ist seine Chance -, dann öffnet er in Zukunft neue Märkte auch für sein eigenes Tun.
Die Leipziger Buchmesse hat ihr Format für die Zukunft bereits gefunden: Sie ist die Messe der Leser und Autoren, sie ist die Messe der Begegnungen mit dem Wort. Davon leben wir, davon lebt die Literatur, und davon lebt das Buch - in jeder Form und in allen seinen Formaten. Ich wünsche Ihnen, meine Damen und Herren, eine vielfältige, inhaltlich reiche und erfolgreiche Leipziger Buchmesse 2010.
Digitale Themen auf der Leipziger Buchmesse 2010
Ein spezielles Programmheft zu Veranstaltungen mit digitalen Themen gibt es auf der Seite der Leipziger Buchmesse zum Download:
Jobbörse
Lizenzverkäufer(in), Loewe Verlag, Bindlach
Bayern
Volontär/in im Lektorat, arsEdition, München
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Trainee (m/w), oekom verlag, München
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