Rede von Heinrich Riethmüller zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse 2016

Heinrich Riethmüller Porträt Querformat© Claus Setzer

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Eröffnung der Leipziger Buchmesse 2016
16. März 2016

Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels e.V.

- Das gesprochene Wort gilt -

Terror, Krieg, politische Umbrüche und dazwischen ein konzeptloses Europa. Schon lange nicht mehr war die geopolitische Lage so fragil wie zurzeit. Schon lange nicht mehr war das Gleichgewicht unserer Welt so gestört, die Angriffe aufeinander von innen und außen so massiv. Europa ist in der Realität angekommen. Und diese Realität überfordert scheinbar eine Staatengemeinschaft, die jahrelang ein Sehnsuchtsort für viele war, die verbunden wird mit Begriffen wie Freiheit, Wohlstand, Sicherheit. Alles das steht auf dem Spiel. Schlimmer noch, diese Werte werden nicht nur von außen bedroht, sondern mehr noch von innen. Oft von lautstarken Menschen, die sich feige in der Anonymität verstecken, um ihre Parolen loszuwerden und vieles in Frage zu stellen, was uns bisher wichtig war.

Aber: Wir müssen uns fragen: Können wir etwas dafür tun, dass diese Werte, die uns in Deutschland und Europa wichtig sind, nicht verloren gehen? Wir alle hier, die wir zur Buchbranche im engeren oder weiteren Sinne gehören? Die wir aus Verlagen, Buchhandlungen, Kulturinstitutionen und Verbänden kommen. Wir Autoren, Literaturvermittler, wir Leser? Und wenn ja, was können wir tun?

Voraussetzung für Meinungsfreiheit ist der ungehinderte Zugang zu Informationen, zu kritischer Berichterstattung. Voraussetzung ist eine freie Presse, sind Plattformen für freie Diskussionen, und – ganz wichtig – ist eine gut funktionierende Verlags- und Buchhandelsstruktur. Diese unabhängige Verlags- und Buchhandelsstruktur, die wir in Deutschland haben und die einmalig in der Welt ist, ist die Grundlage für die Meinungsbildung. Ohne unabhängige Verlage, ohne mutige Autoren, ohne eine starke, freie Presse, ohne die vielen kleinen und großen Buchhandlungen, die die Vielfalt der Meinungen erst sichtbar machen, hat es die Demokratie sehr schwer.

Diese Publikationslandschaft ist relevant. In der Politik würde man sagen „systemrelevant“. Und das gerade zurzeit. Warum? Weil ein Meinungsbildungsprozess in der Gesellschaft ohne diese Publikationslandschaft und ihre Akteure nicht möglich oder zumindest stark erschwert wäre. Das gilt für den weltoffenen Roman ebenso wie für die sensible Reportage oder die hart recherchierte Analyse, für den Leitartikel einer Zeitung wie das Debattenbuch eines Verlages. Erst durch diese Vielfalt ist es jedem möglich, Hintergrundinformationen zu erhalten, um sich dann eine eigene, fundierte Meinung zu bilden.

Immer sind wir aber auch konfrontiert mit Über- und Miss-Informationen. Nachrichten aus ungesicherten Quellen, lancierten Meldungen, Klatsch und Propaganda. Hier einzuordnen, zu hinterfragen, zu widerlegen, aufzuklären oder Hintergründe zu liefern ist nicht nur die Aufgabe seriöser journalistischer Medien, sondern ist auch die Aufgabe von Buchverlagen. Hier werden Meinungen zugelassen, Meinungen ausgehalten, Meinungen an die Öffentlichkeit gebracht und gleichzeitig wird mehr als nur Meinung geliefert.

Unsere einzigartige Verlags- und Literaturlandschaft gehört zu den Grundpfeilern der Demokratie. Diese Demokratie ist zurzeit vielen Angriffen und geistigen Brandstiftern ausgesetzt. Von außen und von innen. Direkt und indirekt. Umso wichtiger ist es, dass dieser Grundpfeiler stabil bleibt und dass er nicht unterspült wird.

Das wissen auch die politischen Akteure: Meinungsfreiheit braucht eine vielfältige Verlags- und Buchhandelslandschaft. Und dennoch muss dies – leider - immer wieder gesagt werden.

Denn viele wissen nicht, dass unsere Buchkultur derzeit durch Überregulierungen, Gesetzesänderungen und manchmal Anfeindungen bis an die Grenzen der Belastbarkeit unter Druck gesetzt wird. Beispielsweise durch das innovationsfeindliche Chaos bei der Bundle-Besteuerung von Büchern oder durch das Zuständigkeitsmikado nach dem Reprobel-Urteil des europäischen Gerichtshofs, das jetzt eine Situation geschaffen hat, in der das gleichberechtigte Miteinander von Autorinnen und Autoren und Verlagen in den urheberrechtlichen Verwertungsgesellschaften eliminiert wurde und damit unserer vielfältigen Buchkultur in Gänze schadet. Oder durch die Versuche, die kreative und kulturelle Leistung von Verlagen herabzustufen, indem Vorschläge eingebracht werden, wie der Verkauf sogenannter „gebrauchter“ E-Books. Der letztlich dazu führen würde, dass es sich nicht mehr rechnet, E-Books zu produzieren.

All das verwässert ein starkes Urheberrecht, das strukturelle Bedingung dafür ist, dass die Buchbranche auch künftig einen maßgeblichen Beitrag zum Meinungsbildungsprozess in der Gesellschaft leisten kann. Denn diese Verwässerung gefährdet mittelfristig die wirtschaftliche Grundlage von Verlagen und Buchhandlungen ebenso wie die von Autorinnen und Autoren.

Es gibt keine Alternative zu einem liberalen Verlagswesen, das zur vielfältigen Meinungsbildung und damit zur Meinungsfreiheit beiträgt. Selfpublishing- und öffentlich-rechtliche Publikationsmodelle oder Plattformbetreiber ergänzen den Buchmarkt und machen seine Möglichkeiten vielfältiger. Sie sind aber kein Ersatz.

Autoren, Übersetzer, Verlage und Buchhandlungen tragen zur Meinungsfreiheit in unserem Land bei. Wir wollen, dass das so bleibt. Um auch künftig dieser Aufgabe gerecht zu werden, brauchen Verlage deshalb ein starkes Urheberrecht, gerechte und verlässliche Vergütungsregelungen für Autoren und Verlage und sie brauchen Rechtssicherheit.

Lassen Sie mich noch eine persönliche Anmerkung machen.
Wir haben als Buchbranche in einer freiheitlichen Demokratie aber auch Pflichten und unsere Rollen! Das gilt für jeden. Was können wir Autoren, Literaturvermittler und Leser tun, habe ich zu Beginn gefragt. Viel, meine ich. Jeder Einzelne kann seinen persönlichen Beitrag zur Meinungsbildung und damit Meinungsfreiheit leisten und hat auch die Verantwortung, dies zu tun. Oder sollen wir die Meinungsführerschaft denen überlassen, die unsere einzigartige Demokratie beschädigen wollen, die die Werte unserer Verfassung und Europas wie die Würde des Menschen, die Freiheit, aber auch die Verantwortung des Einzelnen beschränken wollen? Das dürfen wir nicht zulassen!

Wo sind sie aber, die klugen Köpfe unserer Branche? Die Autorinnen und Autoren und die Verlegerinnen und Verleger, die Buchhändlerinnen und Buchhändler, die Position beziehen, sich einmischen und nicht nur indirekt mit ihrem Programm oder ihrem Werk, sondern auch persönlich Flagge zeigen? Wir brauchen Intellektuelle und Denker, die den Mut haben, öffentlich Stellung zu beziehen, wir brauchen Menschen, die etwas zu sagen haben und das dann auch laut und im richtigen Umfeld tun. Wir brauchen ein Gegengewicht zu denen, die politisch fordern, ohne Lösungen anzubieten, die plakativer Propaganda hinterherlaufen und dabei so viel lauter sind als die Nachdenklichen in der Gesellschaft. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Das gilt nicht immer.

Das Thema Meinungsfreiheit, der Einsatz für das Wort und die Freiheit ist uns – der Leipziger Buchmesse und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels – außerordentlich wichtig. Meinungsfreiheit ist nicht selbstverständlich. Sie ist bedroht, und von ihr muss täglich Gebrauch gemacht werden. In vielen Teilen der Welt aber werden Autoren, Journalisten, Übersetzer, Verleger und Buchhändler bei der Ausübung ihres Berufes behindert oder sind von Gefängnis, Folter oder Tod bedroht. Denken Sie an die aus Hongkong verschwundenen Verlagsmitarbeiter, an den Blogger Raif Badawi, an die Dichter Ashraf Fajadh und Mohammed al-Ajami oder – ganz aktuell - an die Autoren und Verleger aus Ägypten, an die kritischen Journalisten in der Türkei.

Deshalb habe ich zum Abschluss eine Bitte an Sie, an uns alle.
Wir möchten heute aus dem Gewandhaus in Leipzig ein starkes Zeichen der Kultur- und Buchbranche für Meinungs- und Publikationsfreiheit in die Welt schicken. Wir möchten damit zeigen, dass es uns nicht egal ist, wenn unsere Werte in Misskredit gezogen werden. Wir möchten nicht, dass nur jene in die Schlagzeilen kommen, die sich über Politiker, Journalisten und Autoren lustig machen. Sondern wir wollen Solidarität mit denen bekunden, die sich für unsere Demokratie und ein freies und menschliches Europa einsetzen und mit jenen, die verfolgt und bei der Ausübung ihres Menschenrechtes, der Meinungsfreiheit, behindert werden. Bitte erheben Sie sich daher und halten Sie das Plakat „Für das Wort und die Freiheit“, das auf Ihren Sitzen liegt, als Mahnung, als Forderung nach weltweiter Meinungsfreiheit und als Zeichen der Solidarität für die verfolgten Autorinnen und Autoren, die Verlagsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter in die Höhe.

Ich danke Ihnen sehr herzlich.

Ich wünsche uns gute Messetage. Nutzen wir die Leipziger Buchmesse dafür, Stellung zu beziehen, uns mit anderen auseinanderzusetzen. Die Debatte muss wieder in der Mitte der Gesellschaft stattfinden. Wir alle sollten dazu beitragen.