Zur Eröffnung der Buchtage Berlin 2017

Rede des Vorstehers des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Heinrich Riethmüller

Die Rede in Druckfassung (PDF)

Es gilt das gesprochene Wort!

Robert Schumann, einer der Gründungsväter Europas, sagte einmal: „Die Demokratie ist eine fortdauernde Bewegung, die sich vervollkommnen muss. Das Gesetz der Solidarität zwischen den Völkern gebietet dem heutigen Gewissen aller Völker, sich zu einer gegenseitigen Solidarität aufgerufen zu sehen. Einer braucht den andern, ohne Unterschied des Ranges und der Macht, die er hat." Und von ihm stammen auch die Worte: „Der Respekt vor dem Recht des Anderen ist der Friede für alle.“


Welche Werte verbinden uns, Deutsche, Franzosen, Europäer? Wie ist es um die Rechte des Einzelnen, wie um demokratische Grundwerte in unseren Ländern bestellt? Welchen Beitrag können und müssen Verlage wie Buchhandlungen zur Wertediskussion in unserer Gesellschaft leisten? Und wie kann sich die Buchbranche erneuern, ohne ihre gesellschaftliche und kulturelle Kraft zu verlieren?

„Werte – Wandel – Verantwortung“: Unter dieser Überschrift stehen die kommenden beiden Tage.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich begrüße Sie ganz herzlich zu den Buchtagen Berlin 2017. Ich freue mich, dass Sie alle nach Berlin gekommen sind, um zwei Tage lang gemeinsam mit anderen Verlegern, Buchhändlern und Branchenvertretern über aktuelle Fragen unserer Gesellschaft, der Kulturpolitik und der Branche zu diskutieren und in der Hauptversammlung und den Fachgruppenversammlungen die Arbeit des Verbandes mitzugestalten.

Die Buchtage stehen in diesem Jahr im Zeichen des deutsch-französischen Austauschs. Ich freue mich daher sehr, dass Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen aus Frankreich, in diesen Tagen bei uns sind. Das sind zum einen Vertreterinnen und Vertreter der Buchbranchen-Verbände in Frankreich. Ich begrüße Sie sehr herzlich! Ebenfalls heiße ich die Vertreter des französischen Kulturministeriums willkommen. Sie haben ja vor ein paar Wochen eine wunderbare neue Chefin bekommen, eine Verlegerin, Francoise Nyssen vom renommierten Verlag Actes Sud – dazu kann man nur eines sagen: Félicitations!

Unsere französischen Partner haben uns auch bei der Zusammenstellung des Programms zum deutsch-französischen Schwerpunkt inhaltlich und finanziell unterstützt. Hier geht ein großer Dank an die Französische Botschaft in Berlin, das Institut français und das Ehrengastprogramm „Francfort en français – Frankfurt auf Französisch“. Vielen Dank Ihnen allen dafür!

Dieses Jahr fühlen wir uns unseren Nachbarn im Westen noch ein wenig mehr verbunden als sonst. Frankreich ist im Oktober Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Wir freuen uns schon jetzt auf neue Einblicke in die Literatur und Kultur aus Frankreich und der französischsprachigen Welt. Wir sind gespannt, bekannte und neue Stimmen zu hören und mit Autoren, Verlegern und Buchhändlern ins Gespräch zu kommen. Gemeinsame Themen haben wir viele.

Deutschland und Frankreich standen am Anfang der Idee des vereinten Europas und sind noch heute das beste Beispiel dafür, dass dieser Plan funktionieren kann. Einst „Erbfeinde“, verbindet die beiden Länder heute eine bereits 50 Jahre andauernde Freundschaft. Diese Freundschaft spielt sich nicht nur auf dem politischen Parkett oder in wirtschaftlichen Beziehungen ab, sondern auch in der Zivilgesellschaft. 190 Austauschprogramme, darunter auch solche für Verlagsmitarbeiter, Buchhändler und Übersetzer, 2.200 Städtepartnerschaften oder der gemeinsame Fernsehsender arte sind beeindruckende Belege dafür. Robert Schumann, den ich zu Anfang zitiert habe, war ein wichtiger Wegbereiter der deutsch-französischen Freundschaft. Darüber hinaus war er selbst ein waschechter „Europäer“: Er kam aus Luxemburg, hatte ursprünglich die deutsche Staatsbürgerschaft und wurde später französischer Außenminister.

Die Idee vom gemeinsamen Europa basiert auf der Annahme, dass wir eine Geschichte und Kultur teilen, die gleichen freiheitlichen, demokratischen Werte vertreten, gemeinsam stärker sind als jede Nation allein. Dieser Entwurf bröckelt. Der Umgang mit den zunehmenden Migrationsbewegungen der letzten Jahre etwa hat große Unterschiede innerhalb Europas offenbart. Nationalistische Strömungen breiten sich aus, die den europäischen Gedanken, aber auch grundlegende freiheitliche Werte in Frage stellen.

Es gibt aber Hoffnung. Das französische Volk hat bei den Präsidentschaftswahlen im Mai und bei den Parlamentswahlen jetzt am Wochenende mehrheitlich für den europäischen Gedanken und für eine offene und vielfältige Gesellschaft gestimmt. Auch in den Niederlanden und Österreich konnten sich die Rechtspopulisten nicht durchsetzen. Die Brexit-Befürworter in Großbritannien haben auch gerade einen empfindlichen Dämpfer erhalten. Europa zeigt gerade, dass es stärker sein kann als der Populismus, als Abschottung und Engstirnigkeit. Im September ist Bundestagswahl. Ich bin überzeugt, dass wir auch aus Deutschland ein starkes Signal für Europa, für Offenheit und Vielfalt ins restliche Europa schicken können und werden.

In Bewegung ist auch unsere Branche dies- und jenseits des Rheins. Verlage und Buchhandlungen durchleben seit zwei Jahrzehnten weitreichende Veränderungen. Rezeptionsbedingungen, Produktions- und Vertriebsmöglichkeiten verändern sich und fordern von allen Marktteilnehmern ein stetiges Umdenken. Das birgt natürlich auch große Chancen: Die Entwicklungen bieten neue Gestaltungsmöglichkeiten für Inhalte und neue Wege, um Ideen und Geschichten zu den Menschen zu bringen. Gleichzeitig rüttelt die Politik an den Grundlagen für Qualität und Vielfalt in der Branche. Das Urheberrecht wird in vielen Ländern angegriffen. Autoren und Verlage verlieren mehr und mehr ihre wirtschaftliche Grundlage. In knapp zwei Wochen soll der Deutsche Bundestag etwa eine umfassende Einschränkung des Urheberrechts in Bildung und Wissenschaft verabschieden – mit verheerenden Konsequenzen für Wissenschaftsverlage, gerade die kleinen und mittleren. Unter dem Vorwand, Forschenden, Lehrenden und Studierenden einen einfacheren Zugang zu Forschungs- und Lehrinhalten zu ermöglichen, enteignet die Bundesregierung aber größtenteils Autoren und Verlage von solchen Werken. Solch ein Gesetz ist in unseren Augen unverantwortlich und kurzsichtig und bedarf dringend einer genauen Prüfung und Überarbeitung.

Auch der Buchhandel ist in Bewegung. So bekommt er etwa zunehmend die Auswirkungen einer fehlgeschlagenen Stadtentwicklung zu spüren: Die Innenstädte ziehen immer weniger Menschen an, der Einzelhandel insgesamt verzeichnet eine sinkende Kundenfrequenz. Die Preisbindung ist zwar nicht direkt in Gefahr, aber nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs zu Online-Apotheken im letzten Jahr sind doch auch die Gegner der Preisbindung wieder lauter geworden.
Frankreich ist uns im Einsatz für die Rahmenbedingungen unserer Branche ein starker und wichtiger Partner. Als Länder und als Branchen müssen wir Seite an Seite stehen. „Einer braucht den anderen“, sagte Robert Schumann. Ich möchte es heute konkretisieren: Frankreich und Deutschland brauchen einander. Denn im Austausch über Strategien und Lösungen und im gemeinsamen Eintreten für die Rechte von Buchhandlungen und Verlagen, aber auch für freiheitliche, demokratische Werte können wir gemeinsam viel erreichen. Wir möchten diese Buchtage auch nutzen, um einen deutsch-französischen Schwerpunkt in der Interessenvertretung gegenüber den politischen Entscheidungsträgern in Frankreich und Deutschland zu setzen. Ich freue mich deshalb sehr, dass wir gleich hier eine gemeinsame deutsch-französische Erklärung vorstellen werden, mit klaren Forderungen an die Politik in beiden Ländern und auf EU-Ebene.

„Die Demokratie ist eine fortdauernde Bewegung“. Demokratie ist auch etwas, wofür man kämpfen muss. Denn sie bewegt sich auch einmal rückwärts. Auch hier und heute müssen wir wieder von der Meinungs- und Publikationsfreiheit sprechen. Denn sie sind Grundwerte einer freien, demokratischen Gesellschaft und unabdingbare Grundlage jedes publizistischen und künstlerischen Schaffens – und sie sind weltweit in Gefahr. Mit großer Besorgnis blicken wir immer noch auf die Türkei. Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel sitzt seit über 100 Tagen im Gefängnis, jüngst wurde mit der Übersetzerin Mesale Tolu erstmals eine deutsche Staatsbürgerin inhaftiert. Knapp 30 Verlage sind bereits seit der ersten Säuberungswelle nach dem Putschversuch im Sommer 2016 geschlossen und enteignet worden. Anfang Mai wurde dann erneut ein Verlag Opfer des radikalen Vorgehens türkischer Behörden gegen Intellektuelle und Kulturschaffende. 2.000 Titel des politisch engagierten Belge Verlags wurden unter fadenscheinigen Gründen bei einer Razzia konfisziert. Auch in anderen Ländern zeigen sich bedenkliche Tendenzen. Der mächtigste Mann der westlichen Welt bekundet offen, sich im Krieg mit den Medien zu befinden. In einigen Ländern Osteuropas spüren Medienschaffende einen zunehmenden Druck. Und auch etwa die populistischen Parteien in Deutschland und Frankreich nehmen es mit der Meinungs- und Pressefreiheit nicht so genau. Kritische Journalisten werden nicht für Veranstaltungen akkreditiert und Medien generell in Misskredit gezogen.

Wir rufen mit Nachdruck unsere Regierungen dazu auf, sich konsequent für die Freiheit des Wortes in unseren Ländern und weltweit einzusetzen und sie nicht zum Verhandlungsgegenstand zu machen. Von allen Machthabern, die die Meinungsfreiheit unterdrücken, fordern wir ein Ende der Repressionen und der Zensur – und die sofortige Freilassung aller Gefangenen, die inhaftiert sind, weil sie von einem Menschenrecht Gebrauch gemacht haben, dem Recht auf ihre freie Meinungsäußerung.

„Die Demokratie ist eine fortdauernde Bewegung, die sich vervollkommnen muss.“ Diese Entwicklung können wir alle hier im Saal mitgestalten. Ich denke sogar, wir haben die Verpflichtung dazu. Wir entwerfen Kinderbücher, die unseren Jüngsten die Welt erklären, wir machen Sach- und Fachbücher, die Wissen vermitteln und Debatten anstoßen, wir verlegen Ratgeber, die Menschen im Alltag und in ihrer persönlichen Entwicklung unterstützen, wir geben Literatur heraus, die unterhält, aufrüttelt und inspiriert. Und wir verbreiten diese Bücher und Medien, bringen sie den Kundinnen und Kunden näher, schaffen Orte des gesellschaftlichen Austauschs und der Diskussion. Wir bieten Meinungen und Ideen eine Plattform. Die Bücher und Medien, die wir verlegen und vertreiben, bestimmen den Meinungsbildungsprozess in der Gesellschaft maßgeblich mit.

Verlage und Buchhandlungen gestalten Demokratie. Wir können „alternativen Fakten“ fundierte und professionell aufbereitete Inhalte entgegensetzen. Wir können ausgrenzenden und undemokratischen Haltungen mit engagierten Texten, Meinungsvielfalt und Debattenkultur Paroli bieten. Wir können und müssen für freiheitliche Grundwerte einstehen. Lassen Sie uns diese wichtige Verantwortung annehmen und mit unserem Engagement und unserer Kreativität ausfüllen. Gemeinsam können wir auch Europa den Rücken stärken. Lassen Sie uns den europäischen Gedanken weitertragen und mitgestalten.

Ein wichtiges Zeichen für die Freiheit und die Völkerverständigung setzen wir auch mit der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Es ist zu einem guten Brauch geworden, dass ich Ihnen zum Auftakt der Buchtage den Friedenspreisträger oder die Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels des aktuellen Jahres bekanntgeben darf. Und so freue ich mich, Ihnen auch jetzt die Entscheidung des Stiftungsrates mitzuteilen.

Der Stiftungsrat für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels – das wird in diesen Minuten öffentlich gemacht – hat zur diesjährigen Preisträgerin Margaret Atwood gewählt.

In der Begründung heißt es: „Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleiht der Börsenverein im Jahr 2017 an Margaret Atwood. Die kanadische Schriftstellerin, Essayistin und Dichterin zeigt in ihren Romanen und Sachbüchern immer wieder ihr politisches Gespür und ihre Hellhörigkeit für gefährliche unterschwellige Entwicklungen und Strömungen.

Als eine der bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit stellt sie die sich wandelnden Denk- und Verhaltensweisen ins Zentrum ihres Schaffens und lotet sie in ihren utopischen wie dystopischen Werken furchtlos aus. Indem sie menschliche Widersprüchlichkeiten genau beobachtet, zeigt sie, wie leicht vermeintliche Normalität ins Unmenschliche kippen kann.

Humanität, Gerechtigkeitsstreben und Toleranz prägen die Haltung Margaret Atwoods, die mit wachem Bewusstsein und tiefer Menschenkenntnis auf die Welt blickt und ihre Analysen und Sorgen für uns so sprachgewaltig wie literarisch eindringlich formuliert. Durch sie erfahren wir, wer wir sind, wo wir stehen und was wir uns und einem friedlichen Zusammenleben schuldig sind.“

Der Friedenspreis wird am 15. Oktober zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse in der Frankfurter Paulskirche verliehen.

Ich wünsche uns allen nun spannende Buchtage!