Bundes- und Landeslizenzen

Seit über 20 Jahren verhandeln wissenschaftliche Bibliotheken mit spezialisierten Fachbuchhandlungen, aber auch direkt mit Verlagen im Rahmen von verschiedenen Projekten über den Abschluss von Lizenzen für den Zugang auf digitale Zeitschriften und elektronische Angebote wie E-Books. Gerade in jüngster Zeit sind zunehmend bedenkliche Tendenzen auszumachen, weil die öffentliche Hand immer größere Nachfragekonsortien bildet und dadurch teilweise problematisch in die Angebots- und Nachfrageprozesse im Markt eingreift. So wurden Verträge in den Bundesländern Baden-Württemberg und Sachsen geschlossen, die für alle beteiligten Bibliotheken des jeweiligen Bundeslandes den Zugang zu wissenschaftlichen Zeitschriften bzw. E-Books regeln. Vergleichbare Verhandlungen werden von anderen Bundesländern, aber auch von einem Konsortium mit Unterstützung der Hochschulrektorenkonferenz für das gesamte Bundesgebiet geführt (Projekt „DEAL“). Für 2017 sollen weitere Konsortialverträge mit den drei großen Wissenschaftsverlagen abgeschlossen werden.

Hier nimmt eine Entwicklung ihren Lauf, die nachteilige bis existentielle Auswirkungen auf den Buchhandel, Bibliotheken, Verlage und die gesamte derzeitige Informationsinfrastruktur und damit den Wissenschaftsstandort Deutschland haben wird.

Während einige große internationale Wissenschaftsverlage durch solche Abschlüsse ihre Wettbewerbsposition noch zu festigen vermögen, weil die Bibliotheksbudgets noch stärker als bislang von diesen wenigen Verlagen ausgeschöpft werden können, werden mit den übrigen Verlagen gar keine Verhandlungen mehr aufgenommen. Hervorragende, für den deutschen Markt unerlässliche wissenschaftliche Literatur findet so nur noch selten freie Budgetposten. Vielmehr müssen insbesondere kleinere und mittelgroße Verlage, um Präsenz für ihre Zeitschriften und eBooks an den Hochschulen zu erzielen, wahlweise bei den großen Verlagen um Einbindung in deren Pakete bitten oder eigene Zeitschriften an die großen Verlage verkaufen. Eine Beschleunigung des Konzentrationsprozesses und eine Verarmung der Verlagslandschaft und der Vielfalt des Angebotes sind die Folge.

Auf Seiten der Bibliotheken ziehen die genannten Lizenzabschlüsse schon heute eine erhebliche Mittelbindung bis zu 70% zu Lasten kleinerer bis mittelgroßer Verlage nach sich. Die Vorteile von Konsortiallizenzen können dabei nur diejenigen Bibliotheken nutzen, die dem Verhandlungsstandard bei Konditionen, Produktauswahl und Lieferservice entsprechen. Die lokale Bedarfsorientierung und Spezialbibliotheken verlieren an Bedeutung, denn es ist kaum Budget für wissenschaftliche Spezialliteratur vorhanden.

Die Initiative Library Choice war ins Leben gerufen worden, um die Wahlfreiheit über die Bezugswege bei den einkaufenden Bibliotheken zu belassen. Die aktuell abgeschlossenen bzw. in Verhandlung befindlichen Lizenzlösungen akzeptieren Library Choice in der Regel nicht, stattdessen haben alle Bibliotheken die vorgegebenen Bezugswege zu akzeptieren.

Der Verlust der Wahlfreiheit hinsichtlich der Einkaufsquelle verstärkt die Abhängigkeit der Bibliotheken von den Großverlagen. Zwar bieten die lizenzierenden Verlage mitunter Preisnachlässe an, gleichzeitig müssen die Bibliotheken aber durch das Ausschalten der Handelsstufe auf etablierte Prozesse mit Buchhandlungen und Agenturen verzichten. Der erwirkte Direktbezug bei den Verlagen führt nicht nur zu erheblichen Deckungsverlusten im Fachbuchhandel, sondern stellt seine Existenz in Gänze in Frage. Noch halten viele der bibliotheksbeliefernden Buchhandlungen ein breites allgemeines Angebot bereit. Sie sind damit vor Ort ein wesentlicher Kulturfaktor und Akteur für Wissens- und Kulturvermittlung sowie Garant für eine lebendige und vielfältige Einzelhandelsstruktur. Ziele, die Kulturstaatsministerin Frau Prof. Grütters mit dem Deutschen Buchhandlungspreis dezidiert fördert. Die Entscheidungen einiger Wissenschaftsminister zur Aushandlung von Landes- oder sogar Bundeslizenzen stehen zu den genannten Zielen hingegen im deutlichen Widerspruch.

Der Börsenverein setzt sich nachhaltig für faire und transparente Rahmenbedingungen, eine lebendige Kulturpolitik und Vielfalt gewährende Informationsinfrastruktur ein. So müssen aus unserer Sicht die großen Konsortialabschlüsse für den Handel geöffnet werden, damit die Bibliotheken weiterhin mit ihren Lieferanten arbeiten und ihre Wahlfreiheit behalten können dort einzukaufen, wo sie es möchten.

Die Kartellbeschwerde gegen die Allianz der Wissenschaftsorganisationen, die der Börsenverein aufgrund der DEAL-Verhandlungen eingereicht hat, wurde vom Bundeskartellamt vorerst nicht aufgegriffen. Der Börsenverein beobachtet die Entwicklungen weiterhin intensiv und wird die Sachlage erneut prüfen, sollte es zu tatsächlichen Vertragsabschlüssen im Rahmen des DEAL-Projektes kommen.