Eröffnungsrede von Vorsteher Heinrich Riethmüller

Die Rede als PDF

FRANKFURTER  BUCHMESSE 2018

Eröffnung, 9. Oktober 2018

Congress Center 

— Das gesprochene Wort gilt

Liebe Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt,
meine Damen, meine Herren,

am 10. Dezember 1948 verabschiedeten die Vereinten Nationen in Paris die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Kurze Zeit später, am 16. September 1949, feierten über 1.000 Gäste die Eröffnung der ersten Frankfurter Buchmesse nach dem Zweiten Weltkrieg in der Frankfurter Paulskirche. 70 Jahre Menschenrechte, die siebzigste Buchmesse – ein Grund zu feiern. Auf der Frankfurter Buchmesse 2018 wollen wir das unter der Überschrift „On The Same Page“ tun. Es ist aber auch ein Anlass, uns und unsere Gesellschaft zu hinterfragen. Denn die Menschenrechte werden weltweit immer wieder verletzt und missachtet. Deshalb wollen wir heute auch daran erinnern, dass sie nicht selbstverständlich sind und für sie ein Zeichen setzen. I am on the same page.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, zur Eröffnung der diesjährigen Frankfurter Buchmesse begrüße ich Sie im Namen der im Börsenverein des Deutschen Buchhandels versammelten Verlage und Buchhandlungen sehr herzlich. Die Lage der Welt, aktuelle Entwicklungen in der Gesellschaft und politische Kontroversen werden in den kommenden fünf Tagen genauso Thema sein wie der Handel mit Lizenzen, die bunte Vielfalt an Neuerscheinungen und die Freude an Geschichten.

Ganz besonders begrüßen möchte ich die Vertreterinnen und Vertreter unseres diesjährigen Ehrengasts Georgien. Ein Land mit einer jahrtausendealten Geschichte und Kultur, so vielfältig und individuell wie das einzigartige Alphabet der georgischen Sprache – die 33 Buchstaben, die „characters“, die sich wie ein roter Faden durch das Gastlandprogramm ziehen. Ich bin sehr gespannt auf die Einblicke in die Literatur und Kultur dieses vielseitigen Landes und freue mich auf die Begegnungen mit unseren Freundinnen und Freunden aus Georgien. Ich denke, dass auch uns etwas Grundlegendes verbindet: We are on the same page.

Unser Motto zum 70. Jubiläum der Menschenrechts-Erklärung lebt als Redewendung von seiner Doppeldeutigkeit. Auf Deutsch übersetzt heißt es in etwa „Wir sind uns einig. Wir stehen auf derselben Seite.“ Streng wörtlich übersetzt ist in erster Linie die Seite gemeint, die für uns Buchmenschen am nächsten liegt – nämlich die  Buchseite. Ich würde das Motto gerne einmal so wörtlich verstehen. Was enthalten die Seiten eines Buches? Geschichten. Egal ob es ein Roman, ein Sachbuch oder ein Reiseführer ist – jeder Text, jede Seite erzählt eine Geschichte. Und nicht nur jeder Text: jede menschliche Äußerung, jede persönliche Einstellung, jedes Handeln ist Teil eines Narrativs oder erschafft ein neues.

Ich will mir, uns allen heute Abend die Frage stellen: Mit welchen Geschichten wollen wir unsere Seiten füllen? Welche Geschichte wollen wir erzählen, unseren Zeitgenossen, unseren Kindern, uns selbst? Wollen wir eine Erzählung fortspinnen, eine, die das Fremde herabwertet, Menschen ihr Menschsein abspricht und ihnen ihre Rechte und ihre Würde nimmt? Die etwa davon spricht, dass asylsuchende Menschen „in unsere Sozialsysteme einwandern“ oder Deutschland durch die Aufnahme von Muslimen eine „Islamisierung“ droht? Wollen wir wie ein bayerischer Ministerpräsident vom „Asyltourismus“ sprechen, als wäre eine Flucht vor Verfolgung und Krieg kein Unterfangen auf Leben und Tod, sondern ein Sonntagsausflug?

Oder wollen wir eine Geschichte weitertragen, die von Menschlichkeit, Respekt und der Wertschätzung von Vielfalt spricht? Die beispielsweise erzählt, wie in vielen Städten Menschen auf die Straße gehen und friedlich für eine offene und tolerante Gesellschaft eintreten? Geschichten von vielversprechenden Integrationsprojekten hierzulande oder wie in den Kommunen und Städten – trotz aller bestehender Probleme und Herausforderungen – gemeinsam an Lösungen für Einwanderung gearbeitet wird, die uns als Gesellschaft insgesamt weiterbringen können?

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ So beginnt Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Dieser Satz kündigt ein bestimmtes Narrativ an. Die 29 weiteren Artikel setzen es fort: das Recht auf Leben und Freiheit, auf Gleichbehandlung, Bildung, Arbeit und soziale Sicherheit, das Verbot der Diskriminierung oder der Folter, Religionsfreiheit, Kunst- und Meinungsfreiheit. Diese Erklärung, die vor 70 Jahren verabschiedet und bis heute von 147 Ländern unterzeichnet wurde, erzählt eine Geschichte von Freiheit, Gleichberechtigung und Respekt. Sie bildet die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben in einer freien, demokratischen Gesellschaft. Ein kurzer Blick um uns herum in der Welt genügt, um zu sehen, dass wir oft sehr weit von dieser Geschichte entfernt sind. Wir müssen uns dringend neu mit den Menschenrechten auseinandersetzen. Wir müssen sie täglich verteidigen.

Als Rednerin für den Ehrengast Georgien werden wir später auch Nino Haratischwili hören, eine Autorin, die ich sehr schätze. Sie weiß um die Kraft und Macht von Geschichten. Und sie hat die große Gabe, in Form von Erzählungen Weltgeschichte zu vermitteln und dadurch unseren Blick auf einen Teil der Welt zu schärfen und gar zu verändern. In ihrem Roman „Das achte Leben“ zeichnet die Autorin anhand einer einzigen Familie ein Panorama ihres Heimatlandes in der Sowjetzeit, einem Jahrhundert, das – so die Erzählerin – „alle betrogen und hintergangen hat“. Betrogen und hintergangen werden sie alle, die Figuren von Haratischwili: um ihre Freiheiten und Träume, um ihre Hoffnung auf anhaltendes Glück und Menschlichkeit. Es gibt aber auch die kleinen Geschichten, die Hoffnung machen – die von Freundschaft, Liebe und Solidarität.

We are on the same page – auf welcher Seite stehen wir? Ich kann für mich sagen: Ich möchte auf der Seite stehen, die Geschichten von Hoffnung, Vielfalt und Respekt erzählt. Ich möchte auf der Seite der Menschenrechte stehen. Und ich weiß, dass viele in unserer Branche denselben Standpunkt haben. Als Buchbranche sehen wir es als unsere Pflicht und Aufgabe an, am Gelingen einer freien, demokratischen Gesellschaft mitzuwirken und uns für die Menschenrechte einzusetzen.

Dabei ist für uns Kultur- und Medienschaffende der Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, das Recht auf Meinungs- und Informationsfreiheit, von besonderer Bedeutung. Gäbe es diesen Artikel und das damit verbundene Menschenrecht nicht, würde diese Buchmesse nicht stattfinden können. Es wäre unmöglich, dass wir hier zusammen kommen, um Bücher jeglicher Couleur zu präsentieren und zu entdecken, die Gedanken unterschiedlichster Menschen kennenzulernen und über kontroverse Themen zu debattieren. Die Frankfurter Buchmesse ist der weltweit größte Marktplatz für Inhalte und Ideen. Und das Buch ist nach wie vor das herausragende Medium, um Gedanken eine Form zu verleihen, Geschichten hervorzubringen und gesellschaftliche Debatten anzustoßen.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die große Käuferstudie, die wir in diesem Jahr veröffentlich haben, zeigt, dass die Menschen das Buch sehr schätzen – nur haben etliche von ihnen den Kontakt dazu verloren, weil sie im Lebensalltag mental förmlich zugeschüttet werden: Die ständige Verfügbarkeit von Informationen und die rasende Taktung durch Social Media erhöhen den Stress und den Druck auf den Einzelnen. Das Interesse, ja eine regelrechte Sehnsucht nach dem Buch ist aber da – die Sehnsucht nach vertiefter Beschäftigung und fundierten Inhalten, nach Entschleunigung und einer Auszeit. Wir können diese Sehnsucht wieder stärker wach werden lassen. Es liegt an uns allen, die Menschen wieder mehr mit dem Buch in Berührung zu bringen und die Verbindung dazu wieder herzustellen.

Wir sind in unserem Land in der glücklichen Lage, Zugang zu nahezu allen Büchern zu haben, die veröffentlicht werden. Das ist ein Privileg. Denn die Freiheit des Wortes ist nicht nur ein zentrales Menschenrecht, sie wird auch mit am häufigsten verletzt. 60 Journalisten und Medienmitarbeiter getötet, 10 Blogger und Bürgerjournalisten getötet, 155 Journalisten in Haft, 19 Medienmitarbeiter in Haft, 142 Blogger und Bürgerjournalisten in Haft. So lautet bislang die Bilanz der Organisation Reporter ohne Grenzen für das laufende Jahr. Und hier sind nur Journalistinnen und Journalisten erfasst, und davon auch nur die, die schon eine Anklageschrift erhalten haben.

Mit besonderer Besorgnis blicken wir immer noch auf die Türkei – ein Land, zu dem Deutschland seit Jahrzehnten besondere Beziehungen pflegt. Rund 3 Millionen türkischstämmige Menschen leben in unserem Land. Deshalb erlaube ich mir, die Liste noch zu ergänzen: Deniz Yücel, aus der Haft in der Türkei entlassen, aber weiterhin wegen Volksverhetzung und Terrorpropaganda angeklagt. Oder Aslı Erdoğan, aus der Haft entlassen, heute im Exil in Frankfurt lebend, ihr droht weiterhin lebenslange Haft. Erst vergangene Woche hat ein Berufungsgericht die lebenslange Haftstrafe für den Journalisten und Autoren Ahmet Altan bestätigt. Er sitzt weiterhin im Gefängnis. Und mit ihm hunderte weitere Kultur- und Medienschaffende und sieben Menschen deutscher Staatsbürgerschaft. Von einer Normalisierung der Verhältnisse zwischen der Türkei und Deutschland, die sich Präsident Erdoğan wünscht, kann keine Rede sein.

Die Türkei ist Erstunterzeichnerin der UN-Menschenrechts-Charta. Faktisch ist ein Großteil ihrer Inhalte  aber in dem Land aktuell nicht mehr gültig. Deshalb lautet unser Appell und unsere Forderung als Buchbranche: Präsident Erdoğan, wenn Sie auf der Seite der Menschenrechte stehen, lassen Sie alle inhaftierten Autoren, Journalisten, Verleger, Kulturschaffenden und anderen politisch Gefangenen frei. Beenden Sie die Verfolgung von kritischen Stimmen und Andersdenkenden. Dieser Appell gilt dem türkischen Staatspräsidenten, aber auch allen anderen Despoten in Saudi-Arabien, China, Russland, Nikaragua oder den USA, die die Menschenrechte angreifen oder zu ihrem eigenen Vorteil auslegen.

We are on the same page. Seiten sind unser Kerngeschäft. Es ist das, was wir können und wofür wir brennen. Lassen Sie uns unsere Fähigkeit und unser Engagement nutzen, um Geschichten zu schreiben und zu verbreiten, die unseren Blick auf die Welt zeigen. Geschichten, die einschließen statt ausgrenzen, die die Vielfalt und den Respekt vor dem Anderen feiern, die uns bereichern. Die Menschenrechte haben es verdient, weiter und weiter fortgeschrieben zu werden. Auf unseren Seiten.