Laudatio anlässlich der Verleihung des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises an Aslı Erdoğan

am 22. September 2017

Die Rede als Download. (PDF)

von Alexander Skipis

— Es gilt das gesprochene Wort. —

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Wolfgang Griesert,
sehr geehrter Herr Jury-Vorsitzender Professor Dr. Wolfgang Lücke,
sehr geehrte Frau Professor Dr. Rita Süssmuth,
sehr geehrter Herr Dr. Daniel Röder,
verehrte, liebe Frau Aslı Erdoğan,
sehr geehrte Damen und Herren,

als ich am 14. November 2016 mit einer Handvoll Verlegern und Autoren eine Mahnwache für Aslı Erdoğan vor dem Frauengefängnis Bakirköy in Istanbul abhielt, spürte ich zum ersten Mal in meinem Leben körperlich, was Unfreiheit bedeutet. Wie ein gewaltiger Panzer umschlossen die Mauern des Gefängnisses Aslı Erdoğan. Getrennt durch diese Mauern, aber vielleicht nur wenige Meter voneinander entfernt, bestand keine Möglichkeit des Kontaktes. Mein Antrag auf eine Besuchserlaubnis wurde von den türkischen Behörden erst gar nicht beschieden.

Ich spürte den großen Unterschied zwischen der Nachricht „Aslı Erdoğan ist verhaftet worden“, und dem, was es wirklich bedeutet: Ein totalitärer Unrechtsstaat hat einen Menschen seiner Freiheit beraubt. Ihm widerfährt Willkür und eine demütigende und miserable Behandlung im Gefängnis.

Und das alles, weil sie schreibt. Aslı Erdoğan macht von ihrem Menschenrecht der Meinungsfreiheit Gebrauch. Sie ist eine Beobachterin, sie beschreibt eindringlich und emotional berührend. Sie gibt der Ungerechtigkeit, dem Grauen, dem Schicksal von Menschen eine Stimme. Nackte, bloße Informationen und Nachrichten beginnen, zu uns zu sprechen.
In ihrem Roman „Die Stadt mit der roten Pelerine“ schreibt sie: „Während das Leben in Hohn und Gleichgültigkeit verrinnt, hat er [der Schriftsteller] in der schrecklichen Wüste der Wirklichkeit einen persönlichen Beobachtungsturm errichtet. Einen wackligen, knarzenden Bretterturm, durch dessen Ritzen der Wind pfeift.“ (Seite 90)

Das Selbstverständnis einer Schriftstellerin lässt sie die Protagonistin in diesem Buch formulieren,  „Sprachrohr der Geknechteten, Unterdrückten und im Stich Gelassenen“ zu sein. (Seite 187)

Das ist das in Aslı Erdoğan gereifte Verständnis ihrer Arbeit.

Geboren ist sie 1967 in Istanbul. Sie studierte Informatik und Physik. Das hat ihren Blick geschult für nüchterne Analyse und den Wunsch nach Erkenntnis, das zu sehen und zu verstehen, was ist und nicht das nachzureden, was Autoritäten einem vorschreiben. Die naturwissenschaftliche Karriere schien vorgezeichnet zu sein. Nach dem Examen an der englischsprachigen Bosporus-Universität in Istanbul ging sie als Diplomandin an das Forschungsinstitut Cern nach Genf und machte ihren Master in Physik. Nebenher schreibt sie erste Kurzgeschichten, eine Novelle und die Romane „Der wundersame Mandarin“ und „Der Muschelmann“. Schon in ihrer Zeit in Genf beklagte sie die Benachteiligung von Frauen im Wissenschaftsbetrieb. Die Zeit um 1994 an der Universität in Rio de Janeiro, wo sie mit ihrer Dissertation begann, scheint sie sehr stark geprägt zu haben. Ab 1996 konzentriert sie sich auf das Schreiben, arbeitet jetzt auch journalistisch. Es entstand das Buch mit starken autobiographischen Zügen „Die Stadt mit der roten Pelerine“, das für sie der große literarische Durchbruch war. Mit diesem Roman hat Aslı Erdoğan zu sich gefunden und ihre Rolle als „Sprachrohr der Geknechteten“ brillant entwickelt.

Ihr Antrieb ist die bedingungslose Nicht-Akzeptanz von Ungerechtigkeit, und zwar im Einzelfall, aber auch im kollektiven Fall einer Gesellschaft. Ihr Stilmittel ist die detailgetreue Beschreibung des Grauens nach reifer Beobachtung.

Und Aslı Erdoğan schreibt weiter, lässt sich nicht beirren. Von 1998 bis 2001 schreibt sie Kolumnen für die linksliberale Zeitung „Radikal“, in denen sie sich unter anderem mit den schlechten Bedingungen in türkischen Gefängnissen, mit Gewalt gegen Frauen und der staatlichen Repressionen gegen Kurden befasst. Sie engagiert sich stark für Menschenrechtsfragen und arbeitete unter anderem als „Writer in Prison“-Beauftragte des PEN. Schon damals wurde sie wegen ihres Einsatzes in der Türkei bedroht, hat mehrmals das Land verlassen und Stipendien erhalten, um in Zürich, Graz und Krakau zu wohnen und zu schreiben. Währenddessen und nach ihrer Rückkehr in die Türkei verfasste sie weiter Kolumnen, nun auch für die pro-kurdische Zeitung „Özgür Gündem“. Was ihr letztendlich den absurden Vorwurf der Propaganda für eine illegale Organisation einbrachte und weshalb sie am 16. August 2016 verhaftet worden ist. Ihr droht deswegen lebenslange Haft in dem zurzeit gegen sie laufenden strafrechtlichen Verfahren.

Die Essays sind in dem Buch „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ erschienen. Die Situationen, die sie darin schildert, erschüttern den Leser.

Aslı Erdoğan hat viel mit Erich Maria Remarque gemein. In seinem Buch „Im Westen nichts Neues“ ist er als Soldat Beobachter, beschreibt das Grauen, lässt es sprechen und ergreift uns damit.

Remarque hat gesagt: „Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg. Bis ich 'rausfand, dass es welche gibt, die dafür sind. Besonders die, die nicht hineingehen müssen.“

Wie Erich Maria Remarque nimmt uns Aslı Erdoğan mit in den Krieg und in die Ungerechtigkeit dieser Welt. Sie beschreibt die Grausamkeit schonungslos und so sensibel wortgewaltig, dass Bilder in unseren Köpfen entstehen, die man nicht vergisst. Umso vehementer und verständlicher geht sie auf Distanz zu dem Grauen, lässt es uns miterleben und macht es jedem schwer, das auch nur vage zu ignorieren oder gar hinzunehmen. Auch wenn wir hier nicht in den Krieg „hineingehen müssen“ wie Remarque sagt, bringt Aslı Erdoğan den Krieg und das Grauen in unsere Köpfe. Damit verlieren wir unsere Unschuld.

In einem ihrer Essays schreibt sie: „Ich will nicht Mittäterin sein. Ich will nichts zu tun haben mit dem Sperrfeuer, das auf Frauen, Kinder und Greise eröffnet wird, die mit weißen Fahnen aus den Trümmern ihrer Häuser kommen. Ich will nicht Mittäterin sein an dem Grauen, dass ein einzelner verbrannter Kieferknochen eines zwölfjährigen Kindes in einem Keller gefunden wurde. Und nichts zu tun haben mit den fünf Kilo Fleisch und Knochen, die jemandem mit den Worten ausgehändigt wurden: ‚Dies da ist dein Vater.‘ Ich will nicht Mittäterin sein an der Ermordung von Menschen, und auch nicht an der Ermordung von Worten, an der Ermordung von Wahrheit.“ (Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch, Seite 62)

Die Ermordung der Wahrheit betreiben andere, heute wie früher. Ein paar Jahre nach dem Erscheinen von Remarques berühmtesten Werk waren es in Deutschland die Nationalsozialisten, die sich vor der ungeschminkten Wahrheit seines Romans „Im Westen nichts Neues“ so fürchteten, dass sie das schutzlose Buch in die Flammen warfen. Übrigens, unter der unsäglichen Beihilfe des damaligen Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

Aslı Erdoğans Engagement für den Frieden basiert auf ihrem felsenfesten Humanismus. Sie sieht in jedem Schicksal einen Menschen, dem sie mit Mitgefühl begegnet und den sie uns Leserinnen und Lesern durch ihre einfühlsamen, aber schonungslosen Berichte näher bringt. Sie kämpft  für Empathie und Menschlichkeit in einer immer mehr abstumpfenden Welt.

Zitat: „ Wenn wir aus einer schreierischen Feindseligkeit heraus, die keinerlei Raum für Objektivität und das Hinterfragen von Fakten lässt, in der „Geschichte“ nur die Spuren vergangener Größe suchen, mangelt es uns auf entsetzliche Weise an Mitgefühl dafür, was Menschen erlebt und erlitten haben.“ (Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch, Seite 48)

Aslı Erdoğan fühlt sich der Wahrheit verpflichtet, als einem Prinzip, das über dem Konflikt steht. Zitat: „Vor lauter Bestreben, Aussagen nicht nach ihrer Beweisbarkeit zu beurteilen, sondern ausschließlich nach ihrem Urheber (ist er für oder gegen uns?), bleibt eine Frage auf der Strecke, und zwar die nach der Wahrheit.“ (Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch, Seite 48)

Mit ihren Texten löst Aslı Erdoğan in den Herzen schmerzendes Mitgefühl und Wut aus, in den Köpfen aber das Wissen um die Notwendigkeit des Widerstandes gegen die Ungerechtigkeiten, die sie beschreibt.

Wer so denkt und so schreiben kann, meine Damen und Herren, ist eine Gefahr. Eine Gefahr für diejenigen, denen die Beschreibung und Aussage über die Wahrheit nicht in den Kram passt. Weil sie manipulieren wollen, weil sie unterdrücken wollen, weil sie Macht ausüben wollen. Die Despoten dieser Welt gleichen sich alle in ihrer narzisstischen Machtgier und sie fürchten sich vor Menschen wie Aslı Erdoğan. Sie fürchten die Kraft der Worte, die Kraft der Bücher. Das ist der Grund, warum die Meinungsfreiheit immer als erstes unterdrückt wird, das ist der Grund, warum Aslı Erdoğan von dem „Tyrannen vom Bosporus“ verfolgt wird, gedemütigt wird, drangsaliert wird und in ihren Menschenrechten beschränkt wird.

Und das ist auch der Grund, für die „Säuberung“ der Türkei, der Grund warum es in der Türkei keine Meinungsfreiheit, keine Publikationsfreiheit und keine Freiheit, seinen Aufenthaltsort selbst wählen zu können, mehr gibt. Die Türkei ist ein totalitärer Unrechtsstaat geworden, der sich rasend schnell von den demokratischen und freiheitlichen Werten Europas entfernt.

Wohl gemerkt, es ist der Staat, der von einem einzigen Tyrannen geprägt wird. Bedenkt man, dass das Referendum über das Präsidialsystem vom 16. April 2017, selbst wenn man davon ausgeht, dass dieses nicht manipuliert worden sei, von nahezu der Hälfte der Bevölkerung abgelehnt wurde, verbietet sich eine pauschale Betrachtung der türkischen Gesellschaft.

Aslı Erdoğan muss derzeit all diese staatlichen Repressalien erleiden. Wie Tausende in der Türkei. Das Land ist zurzeit das größte Gefängnis für Journalisten und Autoren weltweit. Dass Du, liebe Aslı, heute bei der Preisverleihung anwesend sein kannst, erfüllt uns mit allergrößter Freude. Wir alle hier haben es kaum noch für möglich gehalten.

Es ermuntert all diejenigen, die sich für Dich und die vielen anderen inhaftierten und verfolgten Autoren, Journalisten und Verleger eingesetzt haben, nicht nachzulassen. Nicht zu vergessen und es immer wieder zu versuchen, Öffentlichkeit herzustellen und Solidarität zu zeigen.

Es wäre allerdings ein fataler Irrtum zu glauben, dass sich in der türkischen Regierungspolitik irgendetwas zum Besseren verändert hat. Der „Tyrann vom Bosporus“ hat eine ganz klare Agenda: Macht. Um seine Gier danach zu befriedigen, ist ihm jedes Mittel recht. Das Schicksal eines Menschen spielt dabei keine Rolle.

In diesem Moment sollten wir an die vielen inhaftierten und verfolgten Autorinnen und Autoren, Journalistinnen und Journalisten, Verlegerinnen und Verleger denken, die nichts mehr als ihre Meinung geäußert, berichtet oder publiziert haben und deshalb verfolgt werden. Denken wir stellvertretend für viele weitere Schicksale an Deniz Yücel in der Türkei oder an den Blogger Raif Badawi in Saudi Arabien oder an die Dichterin Liu Xia, die Witwe des verstorbenen Nobelpreisträgers Liu Xiaobo, die vor kurzem in China spurlos verschwunden ist oder an den Blogger Mohammed Mkhaitir, der in Mauretanien im Gefängnis sitzt, nachdem er wegen angeblicher Apostasie zum Tode verurteilt wurde, an den Hongkonger Autor und Verleger Gui Minhai, von dem jede Spur fehlt, nachdem er nach China verschleppt wurde. Sie alle sind politische Verfolgte und Gefangene.

Für sie alle müssen wir unsere Stimme erheben, ihnen den Rücken stärken und Solidarität zeigen. Das sind wir ihnen, unseren Werten, und vor allem Aslı Erdoğan schuldig.

Trotz all der Bedrohung und der Verfolgung erhebt Aslı Erdoğan weiterhin ihre Stimme. Wieviel Mut und Überzeugung muss diese Frau haben, ohne Rücksicht auf die eigene Person Situationen zu beschreiben, Dinge beim Wort zu nennen, um der Wahrheit willen und um der Gerechtigkeit willen. Aus dem Gefängnis hat sie mir am Tag der Mahnwache einen Brief zukommen lassen. In dem schreibt sie u.a.: „Es ist unsere Mission, die Worte am Leben zu erhalten, Worte wie „grundlegende Menschenrechte“, „Rede- und Gedankenfreiheit“, „Gerechtigkeit“, „Menschenleben“. Konzepte, die einst in Europa erschaffen wurden, geformt durch Jahrhunderte der intellektuellen und kulturellen Akkumulation, durch Tränen und Mühsal und Mut. Doch vor allen Dingen verdanken wir, Schriftsteller und Verleger, den Worten unsere Existenz. Und es ist unsere Mission, ihnen ihre verlorene Bedeutung zurückzugeben. Etwa „Mensch“ oder „Menschenleben“. Und die richtigen Worte zu finden, um dieser absurd traurigen, menschlichen Geschichte eine Bedeutung zu geben.“

Ich sage es noch einmal: Wieviel Mut und Überzeugung muss diese Frau haben, selbst im Angesicht der Haft und der angedrohten lebenslänglichen Inhaftierung, an den Worten festzuhalten, sie in die Welt hinauszuschicken, sie auf Papierfetzen aus dem Gefängnis zu schmuggeln. Und damit für unsere gemeinsamen Werte aktiv einzustehen, in dem sie Unrecht und Leid eine Stimme gibt.

Und sie sagt uns damit zugleich, dass es keine Konfliktlösung mit kriegerischer Gewalt gibt.

Für die Eindringlichkeit ihrer Literatur und ihr bedingungsloses Eintreten für Freiheit und Gerechtigkeit verdient Aslı Erdoğan wahrhaft den Friedenspreis der Stadt Osnabrück. In höchstem Maße erfüllt Aslı Erdoğan damit die Voraussetzungen für den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis, eine Persönlichkeit zu sein, „deren publizistisches Engagement für Frieden, Humanität und die Freiheit des Menschen beispielhaft ist“.

Aber, es gibt noch einen zweiten Aspekt, weshalb sie für mich eine hochverdiente Preisträgerin ist:
Aslı Erdoğan zeigt Haltung. Aslı Erdoğan verstummt nicht, selbst in Situationen, wo es für sie um Kopf und Kragen geht. Sie vertritt ihre Werte, unsere Werte kompromisslos. Ihr Selbstverständnis belegt sie mit einer Aussage, die ich aus dem Essayband „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ zitiere. Sie schreibt: „Freiheit und Frieden zu verteidigen, ist weder ein Verbrechen noch eine Heldentat, sondern unsere Pflicht.“ (Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch,  Seite 66)

Und wer es sich jetzt in der Komfortzone Deutschland bequem machen möchte und mit dem Finger auf Länder wie die Türkei, aber auch Ungarn und Polen, wie Saudi Arabien, wie Katar, wie China, wie Russland, Nord Korea aber auch die USA und auf etliche Teile Afrikas zeigt, wer das, wenn auch berechtigterweise tut, sollte sich aber auch die Frage stellen, wie wir es hier in unserem Land mit der Haltung und dem Eintreten für Werte handhaben. Droht uns, diese Haltung, meine Damen und Herren, nicht gerade abhandenzukommen?  

Die Politik der Bundesregierung, wie auch die der EU-Kommission sowie vieler anderer Staaten gegenüber Ländern wie der Türkei war und ist von einem Appeasement gekennzeichnet, das unter falsch verstandener diplomatischer Strategie Werte wie Meinungsfreiheit verrät. Solche Werte wurden und werden zum Verhandlungsgegenstand gegenüber anderen Staaten gemacht, weil man sich einen Vorteil davon erhofft. Sei es, dass man Flüchtlings-Deals damit sichern möchte, sei es dass es um Nato-Stützpunkte oder auch und vor allem um wirtschaftliche Interessen geht.
Man sieht dabei zu, wie eklatante Verletzungen von Menschenrechten geschehen, „bedauert es“, „bedauert es sogar sehr“, protestiert, aber handelt nicht.

Zwar überbieten sich zurzeit die Parteien im Wahlkampf in der verbalen Verschärfung der Politik gegenüber der Türkei. Das scheint aber leider eher Aktionismus zu sein als konsequent handelnde Politik. Entlarvend, wie sehr jetzt die Türkei im Fokus steht, aber viele andere Länder keine Erwähnung mehr finden. Mit viel zu wenig Nachdruck hat sich die Politik bisher gegen Menschenrechtsverletzungen eingesetzt. Lieber sitzt man mit Despoten am Verhandlungstisch, wie z.B. in Saudi Arabien, berät über wirtschaftliche Entwicklung und Waffenlieferungen, während Menschen wie Raif Badawi im Gefängnis sitzen. Wo bleibt wenigstens der Aufschrei, wenn Deutschland Waffen liefert oder wenn sich der US-amerikanische Präsident rühmt, „wunderbare Waffen“ im Wert von über 110 Mrd. Dollar an Saudi Arabien verkauft zu haben? Deutschland als eines der erfolgreichsten Länder dieser Welt hat Möglichkeiten der Einflussnahme, um Menschenschicksale zu retten. Dieser Einfluss wird aber nicht wahrgenommen, um andere Interessen nicht zu gefährden aus Sorge, vielleicht auf ein klein wenig unseres Wohlstandes verzichten zu müssen. Ich befürchte, dass von den starken Worten nach der Wahl in Deutschland nur noch wenig übrig bleiben wird und zur Tagesordnung des diplomatischen Relativismus übergegangen wird.

Der Verlust an Haltung in der Politik, dieses Relativieren von Werten, wenn es bei der Verfolgung vermeintlich höherwertiger Ziele opportun erscheint, hat sein Spiegelbild auch in der übrigen Gesellschaft. In den letzten Jahren ist zunehmend zu erkennen gewesen, dass die Eliten unseres Landes nicht das halten, was sie versprechen. Auch hier geht es um Werte nur so lange, wie der eigene Vorteil und das eigene Interesse nicht zur Disposition stehen.

Die Liste des Versagens der Eliten in unserem, aber auch in anderen Ländern ist lang: Von den zahlreichen prominenten Steuerbetrügern, über Banken, die mit erheblicher krimineller Energie agieren, über korrupte Sportorganisationen bis hin zur gesamten Automobilindustrie, die in ihren betrügerischen Absichten und Unlauterkeit gerade dabei ist, den Ruf Deutschlands nachhaltig zu beschädigen.

Der Rechtsstaat scheint zur Disposition zu stehen. Und der politische Umgang damit ist eher lauwarm.

Der Verlust an Haltung, dieses Relativieren unserer Werte: Das, meine sehr verehrten Damen und Herren, das ist das Gift, das unsere Gesellschaft gerade zu zersetzen beginnt, das ist das Gift, das unsere Gesellschaft aushöhlt und Raum schafft für extreme politische Ansichten, das ist das Gift, das neue „Werte“ wie Gier, Rücksichtslosigkeit, Egoismus und Narzissmus schafft. Auch hier vor der eigenen Tür sind wir gefordert, auch hier ist es unsere Pflicht, sich zu engagieren, für unserer Werte einzutreten und ganz im Sinne von Aslı Erdoğan darauf hinzuweisen, was nicht mehr stimmt in diesem Lande.

Meine Damen und Herren, Aslı Erdoğan beschämt uns mit ihrem konsequenten und kompromisslosen Eintreten für die Wahrheit, für die Gerechtigkeit und für den Frieden. Sie nimmt körperliche Drangsalierungen in Kauf, um unsere Werte zu vertreten, während wir hier im überbordenden Wohlstand mit diesen Werten fahrlässig umgehen. Aslı Erdoğan setzt ihr Leben für die Werte aufs Spiel, auf denen unsere Gesellschaft beruht.

Sie hat der Türkei den „Spiegel vorgehalten“, wie sie in einem Interview mit der Deutschen Welle am 31. August 2017 gesagt hat. Sie hält ihn aber auch uns vor.

Lassen Sie uns ihrem Vorbild folgen und konsequent für die Werte einer freien und demokratischen Gesellschaft, zu denen in besonderem Maße die Meinungsfreit zählt, aktiv eintreten.
 
Diese Werte gibt es nicht dauerhaft, wenn wir sie nicht tagtäglich leben und verteidigen.

Meine Damen und Herren, es gibt eine Schuld durch Unterlassen. Wir sollen nicht zu Mittätern im Sinne von Aslı Erdoğan werden.

Das, meine Damen und Herren, ist die Stunde der Zivilgesellschaft, das ist unsere Stunde.

Der wacklige Beobachtungsturm Aslı Erdoğans ist für uns zu einem Leuchtturm geworden. Aslı, ich verneige mich vor Deinem Mut und Deinem Engagement für die Freiheit und den Frieden.