Eröffnungsrede von Vorsteher Heinrich Riethmüller

Die Rede als PDF

FRANKFURTER  BUCHMESSE 2017

Eröffnung, 10. Oktober 2017

Congress Center 

— Das gesprochene Wort gilt

Liebe Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt,
meine Damen, meine Herren,

„Du hast das Wort! Tu as la parole!“ – Unter diesem Motto kamen in diesem Sommer 29 Jugendliche hier in Frankfurt am Main zusammen. 29 junge Menschen zwischen 15 und 18 Jahren. Sie kamen aus Stuttgart, Bochum, München – Colmar, Valenciennes, Paris – aus vielen Teilen Deutschlands und Frankreichs. Auf Einladung des Börsenvereins und des mediacampus frankfurt setzten sie sich eine Woche lang mit Meinungsfreiheit, Diskussionskultur und Demokratie auseinander. Sie debattierten, recherchierten, sprachen mit Autoren und Journalisten, interviewten Passanten. Drei Monate vor der Frankfurter Buchmesse brachte das Jugendcamp die junge Generation aus dem Gastgeber- und dem Ehrengastland zusammen. Der Film, den Sie gerade gesehen haben, ist ein Ergebnis dieser Woche.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Mich hat es beeindruckt, wie die jungen Menschen ihre Begeisterung für die Demokratie mit uns geteilt haben. Jugendliche, die in einer Welt aufwachsen, die zunehmend von Verunsicherung, Unruhen und Konflikten geprägt ist. Aus dem Munde dieser jungen Menschen so klar und überzeugt zu hören, wie sie an ihre, an unsere Werte glauben und sie verteidigen wollen – das hat mir Mut gemacht. Einige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Jugendcamps sind heute hier bei uns. Hut ab und vielen Dank für diesen packenden Appell!

Die Jugendlichen geben uns das Motto ihrer gemeinsamen Woche als Aufruf mit, jedem Einzelnen hier im Saal. Jede und jeder hat eine Stimme, auf jede und jeden kommt es an. Reden, diskutieren, streiten wir: „Du hast das Wort! Tu as la parole!“ Welchen besseren Ort für den Austausch von Worten, Meinungen und Ideen gäbe es, als den weltgrößten Treffpunkt der Buch- und Medienbranche?

Meine sehr verehrten Damen und Herren, zur Eröffnung der 69. Frankfurter Buchmesse begrüße ich Sie im Namen der im Börsenverein des Deutschen Buchhandels versammelten Verleger und Buchhändler sehr herzlich. Bis Sonntagabend werden hier in den Messehallen Neuerscheinungen vorgestellt und Rechte gehandelt, aber auch Diskussionen und Debatten geführt: über den Zustand dieser Welt, über den Menschen und seine Wünsche, Ängste und Bedürfnisse. Für all das ist Raum in den kommenden fünf Tagen.

Ganz besonders willkommen heiße ich die Vertreterinnen und Vertreter unseres Ehrengastes. In diesem Jahr sind Frankreich und die französischsprachige Welt zu Besuch in Frankfurt. Bienvenue!

Mit unserem Nachbarn im Westen verbindet uns eine jahrzehntelange enge Partnerschaft und Freundschaft. Der Austausch über Länder, ja über Kontinente hinweg ist, so scheint mir, wichtiger denn je. Denn es sind unruhige Zeiten, in denen wir uns hier treffen. Seit zwei Wochen haben wir zum ersten Mal seit über 70 Jahren wieder eine Partei im Deutschen Bundestag, die deutliche rechtsextreme Züge aufweist, und das als drittstärkste Kraft. Bei den Präsidentschaftswahlen in Frankreich hat sich ein Drittel der Wählerinnen und Wähler für eine europa- und ausländerfeindliche Politikerin als Staatsoberhaupt ausgesprochen. Gewaltige Migrationsbewegungen stellen Europa und die Welt vor große Herausforderungen. In vielen Ländern der Welt, auch den frankophonen, herrschen soziale Ungerechtigkeit, Unruhen oder Bürgerkriege. Mit Wahrheiten und Nachrichten wird gespielt – was ist Fake, was ist echt, wer kann das so genau sagen?

Inmitten dieser Unsicherheiten und Fragen möchte ich Ihnen zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse eine klare Botschaft mitgeben. Liebe Kolleginnen und Kollegen aus Verlagen und Buchhandlungen, liebe Autorinnen und Autoren: Die Gesellschaft braucht uns, und zwar genau jetzt! Das ist die Stunde der Buchbranche. In unruhigen Zeiten fördern wir Dialog, verlässliche Information und Meinungsbildung. Denn: Wir haben das Wort! Mit unseren Büchern und Medien bringen wir Wissen und Ideen zu den Menschen. Wir eröffnen Leserinnen und Lesern neue Ansichten und andere Lebensentwürfe. Wir stoßen gesellschaftliche Debatten an, machen kritische Themen und Tabus zum Thema, stehen für Pluralität und den Austausch von Meinungen.

Wie viel wir bewirken können, zeigt sich daran, wie sehr uns solche fürchten, die Demokratie und Freiheit unterdrücken wollen. Nicht ohne Grund haben es Diktatoren häufig sehr schnell auf Bücher abgesehen. Wöchentlich erreichen uns Berichte von beschlagnahmten und zensierten Büchern. Im Mai etwa hat die türkische Polizei den gesellschaftskritischen Belge-Verlag in Istanbul gestürmt und 2.000 Bücher beschlagnahmt. Der Verleger, Ragıp Zarakolu, kann nur noch aus dem Exil in Schweden arbeiten. Als einer der ersten Verlage hatte Belge den Genozid an den Armeniern aufgearbeitet. Obwohl dieser Verleger schon dreimal unter verschiedenen Machthabern im Gefängnis saß, hört er nicht auf, unbequeme Bücher zu veröffentlichen und unerwünschte Wahrheiten zu verbreiten. Trotz der anhaltenden Bedrohung publiziert der Belge-Verlag weiter. Davor habe ich größte Hochachtung.

Auch Margaret Atwood, die am Sonntag mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird, zeigt die Sprengkraft von Büchern auf. In ihrem Roman „Der Report der Magd“ malt sie das Bild einer totalitären, frauenverachtenden Gesellschaft. Bücher und Zeitschriften sind verbrannt worden – bis auf die Bibel. In ihr lesen dürfen allerdings nur Männer. Die Erzählerin sagt dazu: „Die Bibel wird unter Verschluss gehalten, so, wie die Herrschaft einst den Tee unter Verschluss hielt, damit die Bediensteten ihn nicht stahlen. Sie ist Zündstoff – wer weiß, was wir damit anstellen würden, wenn wir sie jemals in die Hände bekämen?“

Man möchte so eine Vision als Dystopie bezeichnen, aber in vielen Teilen der Welt ist die Realität nicht weit davon entfernt. Bücher sind Zündstoff und werden von Despoten gefürchtet. Bei der vor kurzem zu Ende gegangenen documenta 14 hat die Künstlerin Marta Minujín mit dem „Parthenon der Bücher“ ein beeindruckendes Denkmal für die Kraft des Wortes geschaffen: Aus 67.000 Büchern, die einmal verboten waren oder es heute noch sind, hat sie das Athener Parthenon nachgebaut – ein Symbol der ersten Demokratie. Machen wir es uns immer wieder bewusst: Wir handeln mit einer einzigartigen Ware, unsere Güter sind die Säulen von Freiheit und Demokratie.

Wir haben das Wort! Das ist ein großer Auftrag und ein hoher Anspruch. Die Verlage und Buchhandlungen nehmen ihn mit großem Engagement an. Um diesen Auftrag erfüllen und  einen Beitrag für das Gelingen unserer Gesellschaft leisten zu können, braucht unsere Branche sichere Rahmenbedingungen. Das ist entscheidend, gerade in einer Branche, die mit wenigen Ausnahmen aus kleinen Unternehmen besteht. Hier winken keine großen Renditen, hier sind Menschen mit großer Leidenschaft am Werk, sei es als Verlegerin oder Verleger, als Buchhändlerin oder Buchhändler. Für weite Teile der Politik scheint das nicht mehr von Bedeutung zu sein. Freier, sprich kostenloser Zugang zu geistiger Nahrung heißt die Zauberformel, mit der immer drastischere Einschnitte in das Recht von Urhebern, Autoren und Verlagen gerechtfertigt werden. Wer am Ende Geld in das Schreiben von Literatur und wissenschaftlichen Werken investieren soll, bleibt unbeantwortet.

Ein privatwirtschaftlich finanziertes Verlagswesen garantiert Unabhängigkeit, Vielfalt und Innovation. Nur wenn Verlage für ihre Leistungen eine marktgerechte Vergütung erhalten und Planungssicherheit haben, können sie in Literatur und neue innovative Lese- und Vertriebsmodelle investieren. Es geht um nichts Geringeres als die Qualität unserer Bildung und die Unabhängigkeit der Verlage, die eine wichtige Instanz in unserer Gesellschaft sind.

Gerade beginnt eine neue Legislaturperiode. Sie, liebe Frau Merkel, stehen vor Koalitionsverhandlungen für eine neue Regierung. Ich nutze diese Gelegenheit, um persönlich an Sie zu appellieren: Setzen Sie sich bitte dringend dafür ein, die Rahmenbedingungen für eine unabhängige, lebendige und vielfältige Verlagslandschaft zu verbessern. Stoppen Sie den Ausverkauf des Urheberrechts! Das Urheberrechts-Wissensgesellschaftsgesetz, das die Bundesregierung noch zum Ende der letzten Legislaturperiode durchgepeitscht hat, war leider ein Schritt in die falsche Richtung. Die Auswirkungen des Gesetzes bedrohen wissenschaftliche Autoren in ihren Publikationsmöglichkeiten und Verlage und Buchhändler in ihrer Existenz. Es steht viel auf dem Spiel für die Buch- und Medienlandschaft, für Bildung und Wissenschaft, für Freiheit und Demokratie in unserem Land. Gerade jetzt brauchen Sie unsere Unterstützung und dafür brauchen wir gerade jetzt auch Ihre.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir haben das Wort! Eine, die die Worte nie aufgegeben hat, ist Aslı Erdoğan. Vor einem Jahr habe ich von dieser Stelle aus eine Nachricht der türkischen Autorin aus dem Gefängnis verlesen. Viele Organisationen und Menschen weltweit haben sich für ihre Freilassung eingesetzt. Ende des letzten Jahres dann die gute Nachricht: Sie kommt aus der Untersuchungshaft frei. Es folgten lange Monate des zähen Wartens, in denen sie nicht ausreisen durfte. Sie war gefangen im eigenen Land. Vor drei Wochen dann die Erlösung: Sie darf ausreisen. Und heute, ein Jahr nach ihrer ergreifenden Botschaft aus der Haft, kann sie hier bei uns sein. Aslı Erdoğan, herzlich willkommen! Wir freuen uns, Sie heute bei uns zu haben.

Ein Lichtblick, ein Hoffnungsschimmer? Vielleicht. Aber täuschen wir uns nicht. Die Türkei ist noch immer das größte Gefängnis für Journalisten und Autoren weltweit. Auch viele deutsche Staatsbürger werden seit Monaten festgehalten. Ein Albtraum für die Menschen, eine Katastrophe für die Demokratie. Wie in der Türkei verhält es sich in vielen anderen Teilen der Welt. Denken Sie zum Beispiel an Raif Badawi. Um den saudischen Blogger ist es in der Öffentlichkeit still geworden. Aber noch immer sitzt er im Gefängnis, seit nunmehr fünf Jahren. Zusätzlich zur Haft ist er zu einer mörderischen und menschenverachtenden Strafe von 1.000 Peitschenhieben verurteilt, und das alles nur, weil er einen Blog eröffnet hat. In vielen Ländern versuchen Machthaber, kritische Stimmen zum Verstummen zu bringen – leider zu oft mit Erfolg. Menschen verlieren ihre Worte, haben Angst, sie zu benutzen aus Furcht vor Verfolgung, Gewalt oder dem Tod.

Liebe Frau Merkel, erlauben Sie mir, Sie noch einmal anzusprechen: Ich appelliere an Sie und die kommende Bundesregierung, sich noch entschiedener als bisher für die Meinungs- und Pressefreiheit einzusetzen. Zeigen Sie Haltung und verteidigen Sie noch konsequenter unsere freiheitlichen, demokratischen Werte. Machen Sie sie nicht zum Verhandlungsgegenstand.

Und ich appelliere an Sie alle hier im Saal: Nutzen Sie Ihr Recht auf freie Meinungsäußerung. Es kann nur bestehen, wenn wir täglich von ihm Gebrauch machen. Die Buchmesse ist der Ort dafür. Und dafür stehen wir ein. Solange Werke und Handlungen nicht gegen bestehende Gesetze verstoßen, dürfen sie auf der Buchmesse präsent sein. In diesem Jahr werden wir auf der Messe auch wieder Stimmen aus dem rechtsextremen Lager hören. Einige Verlage und Autoren haben sich hierzu angekündigt. Wir lassen es zu. Denn Meinungsfreiheit heißt auch, Ideen und Gedanken auszuhalten, die unangenehm oder gar gefährlich für uns sind. Die Frage ist aber: Belassen wir es dabei? Ich sage: Nein. Wir haben eine Stimme, lassen wir sie laut werden. Wir können Hass, Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung einen starken Ruf nach Respekt, Solidarität und Vielfalt entgegenhalten. Und zusammen sind wir lauter. Das Grundrecht auf Meinungsfreiheit verpflichtet uns, für unsere Werte einzustehen.

Das ist die Stunde der Buchbranche. Das ist die Stunde der Gesellschaft.

Sie haben das Wort!