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Rede zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 2020

13. Oktober 2020, Frankfurter Festhalle

Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels

- Es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleg*innen,

vor sieben Monaten genau um diese Zeit
saß ich im Zug von Leipzig nach Frankfurt.
Acht Tage vorher war die Buchmesse in Leipzig abgesagt worden,
am Montag darauf
sollten in den meisten Bundesländern
die Kindergärten, Kitas und Schulen schließen,
im Laufe der Woche fast alle Läden.

Mehr oder weniger von einem Tag auf den anderen
veränderte sich das Leben in Deutschland.
Mitarbeiter*innen verließen mit Laptops ihre Arbeitsplätze,
nicht wenige
zusammen mit einer Vereinbarung zu Kurzarbeit im Gepäck.

Hätten wir an diesem Freitag, den 13. vor sieben Monaten geahnt,
dass Corona auch den Herbst des Jahres 2020 noch bestimmen würde,
unsere ohnedies in diesen Märztagen düsteren Prognosen
wären ins Bodenlose gefallen.

Dann aber geschah etwas,
das ich als „Wunder der Buchbranche“ bezeichnen möchte:

Während der internationale Onlineriese
sich auf Hygieneartikel und Mehl konzentrierte,
besann sich die Buchbranche auf ihre Digitalkompetenz,
auf ihre Kreativität und Flexibilität.

Beinahe über Nacht
wandelten sich Präsenzbuchhandlungen in Online-Shops.
Leser*innen stöberten im Netz,  
Buchhändler*innen berieten per Whatsapp,
Fahrradkuriere versorgten die Menschen
mit dem „Grundnahrungsmittel Buch“.
Abholstationen wurden improvisiert.
Der Zwischenbuchhandel reagierte
und sicherte den Nachschub.
Verlage nutzten Social Media als Plattformen der Vernetzung.

Diese Branche hat sich
– gemessen an unser aller Befürchtungen –
während Lockdown und weiteren pandemiebedingten Restriktionen
erstaunlich resilient gezeigt.

Das sage ich wohl wissend,
dass es einigen Unternehmen sehr schlecht geht
und dass wir ohne die großzügige Unterstützung aus der Politik
nicht da stünden, wo wir stehen.

Aber dennoch:
Woher kam diese Resilienz?
Worin lag und liegt die Stärke dieser Branche?

Die Buchbranche ist digitaler aufgestellt als es uns
– und den Leserinnen und Lesern -
bewusst war.

Die Buchbranche ist kreativ und agil
sie bewies und beweist Anpassungsfähigkeit und Ideenreichtum.

Bücher sind Lebensmittel.

Gerade in der Krise
zeigte sich der Wert guter Kinderbücher:
Sie gaben und geben (!) Kindern werteorientiert Beschäftigung.
Sie ermöglichen das Abtauchen in andere Welten.
Sie vermitteln Wissen.

Dass das Segment der Kinder- und Jugendbücher
sich während des Lockdowns als das Wachstumssegment erwies,
wundert deshalb wenig.

Bücher sind Ratgeber.

So besannen sich die Menschen
zum Beispiel nicht nur auf die Tradition des Brotbackens,
sondern erkannten zudem:
Nicht jedes im Netz frei verfügbare Rezept
wurde vor Veröffentlichung professionell geprüft.
Menschen wollen in unsicheren Zeiten die Sicherheit,
die nur ein gutes Lektorat gibt.

Bücher sind Ich-Zeit.
Als die Menschen nicht mehr raus durften
zu Freunden und in die Kneipe,
als es in den zum Homeoffice gewandelten Wohnungen eng wurde,
da besannen sie sich auf gute Unterhaltung.
Sie lasen gute Bücher.
Sie lasen Klassiker.

Bücher sind Leuchttürme.
In einer Zeit von Fake News und Verschwörungstheorien
steigt der Wert sorgfältig gegengeprüfter Sachbücher.
Leserinnen und Leser vertrauen Verlagen,
die eben nicht einfach nur veröffentlichen,
sondern kompetenten Autor*innen
als Double-Check erfahrene Lektor*innen zur Seite stellen.

Noch eine Qualität von Büchern zeigt sich in diesem Krisenjahr:
In der Ruhe liegt die Kraft.
Während sich schnellere Medien überschlagen
mit immer neuen immer komplexeren Informationen,
bereitet die Buchbranche die Themen der Zeit zu Wissen auf.

Sauber strukturiert und „gut abgehangen“
werden Fakten für Leserinnen und Leser nachvollziehbar.
Bücher sind eben keine an Tagesaktualität orientierten Klickbaiting-Bringer.
Bücher geben Halt und Überblick in volatilen Zeiten.

Das alles feiern wir im Oktober mit der Buchmesse.

Wir reisen aus der ganzen Welt an,
voll Vorfreude auf langjährige Geschäftsfreund*innen
und locken mit dem Feuerwerk unserer Neuerscheinungen
Händler*innen, Journalist*innen, Politiker*innen
und Leser*innen an den Main.

Normalerweise.

In diesem Jahr ist alles anders.
Die Buchmesse kommt in diesem Jahr vor allem digital zu Ihnen nach Hause.
Sie können gemütlich auf dem Sofa sitzen.
Bei den meisten Veranstaltungen können Sie frei wählen,
wann Sie sie genießen. Netflix wird neidisch.

Dass die Frankfurter Buchmesse diesen Schritt ins Digitale getan hat,
ist richtig und wichtig.
Wir leben in digitalen Zeiten
und Menschen sind es gewohnt, Waren und Inhalte frei Haus zu bekommen.

Dass in diesem Jahr vielleicht noch nicht alles perfekt laufen wird,
macht nichts.
In der digitalen Welt ist Life always Beta.

Nehmen Sie die digitale Buchmesse 2020
als Prototypen für alle kommenden.
Wir werden Erfahrungen machen
und daraus lernen.
Immer besser werden.
Das liegt in der DNA der Frankfurter Buchmesse.
Seit 1949.

Ich kann diese besondere Buchmesse nicht eröffnen
ohne nicht auch über einen Aspekt zu sprechen,
der keine gute Nachricht war:

Wir hatten gehofft,
trotz Corona auch eine physische Buchmesse anbieten zu können.
Anders als in den vergangenen Jahren
aber eben doch in den Hallen hier hinter uns.
Daraus wurde nichts.

Steigende Fallzahlen,
erneute Reisebeschränkungen
und die Verantwortung für die Gesundheit der Besucherinnen und Besucher, Ausstellerinnen und Aussteller
ließen uns absagen.

Ich glaube,
dass es vielen Menschen heute so geht wie mir, wenn ich sage:
Ich bin ein bisschen traurig.
Denn heute wird mir klar,
was mir in dieser Woche alles fehlen wird.
An Begegnungen,
die mein Verlegerinnenleben nicht nur schöner machen,
sondern es beflügeln, ja, es ausmachen.
Und nicht alles davon
lässt sich in gleicher Qualität ins Netz verlegen.

Wir brauchen die physische Frankfurter Buchmesse.
Das werden wir alle,
die wir Buchbegeisterung atmen
in den nächsten Tagen spüren.

Wir brauchen die Plattform,
die unser aller Arbeit vernetzt.

Wir brauchen die Begegnungen.

Wir brauchen die Aufmerksamkeit.
Wir brauchen sie,
um den Stellenwert des Buches in der Gesellschaft zu verankern.

Wir brauchen das große Buchhighlight im Herbst.

Es wird nach Corona kein Back to normal geben.

Also wird die Frankfurter Buchmesse sich neu erfinden.
Und das kann sie nur gemeinsam mit denjenigen,
die sie ausmachen:
den ausstellenden Verlagen aus aller Welt,
den Fachbesucher*innen,
denjenigen, die die frohe Kunde des Buchgeschehens nach außen tragen: Buchhändler*innen,
Journalist*innen,
Blogger*innen
und andere Multiplikator*innen.
Und den Leser*innen,
denjenigen, für die wir alle tun, was wir tun!

Um sich für die Zeit nach Corona neu zu erfinden braucht die Frankfurter Buchmesse Sie.

Sie braucht Sie nicht primär
als Mieter*innen von Flächen,
als Käufer*innen von Eintrittskarten.
Die Frankfurter Buchmesse braucht Sie
als Sparringspartner auf Augenhöhe.

Um sich neu zu erfinden muss – und wird – die Buchmesse Ihnen zuhören.
Wir werden Ihnen zuhören!
Wir werden wissen wollen,
welche Aspekte des bunten Reigens
Sie lieber digital geliefert bekommen möchten
und was Sie analog vor Ort erleben wollen.

Wir sind eine Branche, die von der Interaktion lebt:
von Gesprächen und Begegnungen,
von Kontakten und Beziehungen.
Dafür war und ist und wird Frankfurt der Ort sein.

Die Frankfurter Buchmesse ist Ihre Plattform!
Juristisch gesehen ist sie eine GmbH,
in unser aller Herzen ist es unser Branchentreffen,
unser Highlight im Herbst,
Taktgeber unseres Bücherjahres.

Keine Verlegerin, kein Verleger, der oder die
in den letzten Wochen nicht gespürt hat,
dass man Buchmesse nicht wochenlang
irgendwie nebenbei machen kann.

Kein Journalist, keine Journalistin,
der oder die nicht die Trouvaillen vermisst,
die beim Schlendern und per Zufall aus dem Augenwinkel entdeckt werden –
und nicht durch strategische Suche und die Flut der Pressemeldungen.

Kein Lizenzverantwortlicher, der oder die nicht weiß,
dass Frankfurt den Verteiler
doch immer noch füllt.

Keine große Buchgeschichte,
die nicht irgendwie in Frankfurt beginnt oder endet –
oder beides.

Bucherfolge entstehen im Miteinander,
das wissen wir alle –
auch eine erfolgreiche Buchmesse entsteht im Miteinander.

Dieses Miteinander können wir!

Das haben wir während der Wochen des Lockdowns bewiesen.

Lassen Sie uns miteinander daran arbeiten,
dass wir nächstes Jahr
hier wieder in der ganzen Vielfalt und Fülle
die den Reichtum dieser Branche ausmacht
zusammenkommen!

Ein Herbst ohne tausend Buchmessen-Begegnungen ist möglich,
aber NICHT wünschenswert.

Ich danke Ihnen!