Auftakt der Frankfurter Buchmesse: „Der doppelte Raubzug der KI: erst die Bücher, dann das Denken“
Börsenvereinsvorsteher Sebastian Guggolz warnt vor sinkender Lesekompetenz und Regulierungslücken bei KI / „Frankfurter Appell“ zu generativer KI bereits von 120 Verlagen unterstützt
Erstellt am 06.10.2026
Bücher sind gerade in polarisierten Zeiten ein wichtiger Raum für andere Perspektiven und neue Gedanken. Doch die abnehmende Lesekompetenz und eine unzureichend regulierte KI, die genau diese Lücke ausnutzt, beunruhigen die Buchbranche zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse, so Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels: „Wenn die Politik jetzt nicht handelt, beraubt uns die KI nicht nur weiterhin millionenfach urheberrechtlich geschützter Werke, sondern langfristig auch unseres Denkens.“
Nach der jüngsten PISA-Studie kann ein Drittel der 15-Jährigen nicht ausreichend lesen. Zudem ging 2025 die Zahl der Buchkäufer*innen bei den 10- bis 15-Jährigen um 30,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurück. „Wir können diese Entwicklung nicht schulterzuckend hinnehmen. Die rückläufige Lesekompetenz kann nicht vom Siegeszug der KI, die uns beliebig abgerufene Antworten liefert, kompensiert werden. Im Gegenteil: Wer nicht mehr sinnentnehmend lesen kann, kann eine KI-Antwort überhaupt nicht mehr überprüfen. Ihm oder ihr bleibt nur noch, diese vorgefertigte Antwort zu glauben“, sagte Sebastian Guggolz.
Maßnahmen gegen den Bildungsnotstand
Leseförderung und Medienkompetenz müssten, so Guggolz, als bildungspolitische Priorität verankert werden. Über die Bildungspolitik hinaus – etwa in Wirtschaft, Forschung und Gesellschaft – müsse erkannt werden, dass Lesen unabdingbare Voraussetzung für das gesamte Leben und die Teilhabe an einer lebendigen Gesellschaft ist. Er sprach sich für feste tägliche Lesezeiten in Schulen aus, wie es das Konzept „Leseband“ vorschlägt. Daneben müsse Medienkompetenz zum Pflichtfach werden. Kinder und Jugendliche sollten etwa lernen, recherchierte Informationen und Meinungsbeiträge zu unterscheiden und mit Fake News sowie künstlich erzeugten Texten und Bildern umzugehen.
Klare Regeln für KI – „Frankfurter Appell“
Zugleich kritisierte Guggolz, dass bei der Nutzung und Entwicklung von KI außereuropäische Konzerne die Bedingungen diktierten und dabei Fair Play und ethische Grundsätze über Bord würfen. „KI-Unternehmen nutzen urheberrechtlich geschützte Werke ohne Einwilligung und Vergütung für das Training ihrer Systeme. Weil klare gesetzliche Pflichten zur Ausweisung der Trainingsdaten fehlen, müssen Rechteinhaber selbst aufwändig nach Belegen suchen und ihre Ansprüche in kostspieligen Verfahren durchsetzen. Auch hier braucht es ein schnelles und entschiedenes Handeln der Politik.“
Anlässlich der Frankfurter Buchmesse veröffentlicht der Börsenverein daher den „Frankfurter Appell“ an die EU-Kommission, das EU-Parlament und die Bundesregierung. Bereits 120 Verlage zählen zu den Unterzeichnern. Der Appell fordert Transparenz über die für KI-Trainings genutzten Werke, faire Lizenzierungsmodelle und wirksame Instrumente zur Durchsetzung des Urheberrechts. Der Wortlaut und die Unterzeichnenden des Appells sind abrufbar unter www.boersenverein.de/frankfurter-appell.
Unsere Panels zu KI und Leseförderung
Erst die Klage, dann die Regulierung? Welche Lücken in der KI-Regulierung jetzt geschlossen werden müssen.
Donnerstag, 8. Oktober, 11.30-12.30 Uhr, Dialogue Stage, Foyer Halle 4.0
Mit: Nela Riehl (MdEP), Dr. Johannes Christian Wichard (BMJV), Rainer Dresen (Penguin Random House Verlagsgruppe), Dr. Kai Welp (GEMA), Katharina Uppenbrink (Moderation, Initiative Urheberrecht)
Bildungsnotstand mit Ansage – Lesen lernen zwischen Bildungskrise, KI und Social Media
Freitag, 9. Oktober, 14 Uhr, Dialogue Stage, Foyer Halle 4.0
Mit: Dr. Petra Bahr (BMBFSFJ), Silke Müller (Bildungsexpertin), Prof. Dr. Samuel Greiff (Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien/PISA), Erik Sczygiol (Bundesschüler*innenkonferenz), Heike Schmoll (Moderation, Bildungsjournalistin)
Alle Veranstaltungen des Börsenvereins sind abrufbar unter www.boersenverein.de/buchmesse.
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