Digitale Souveränität: Wie kleine Umstellungen zu mehr digitaler Unabhängigkeit verhelfen
Wenige große Tech-Firmen bestimmen zunehmend den digitalen Raum. Das beeinflusst auch die Buchbranche. Wie Sie sich von diesen Plattformen unabhängiger machen, erfahren Sie in diesem Artikel. | Ein Beitrag des Börsenvereins und Björn Staschen, Save Social
Erstellt am 21.05.2026
„Die wachsende Dominanz der Plattformkonzerne für Information und Austausch [im Internet] führt zu einer Konzentration von Meinungsmacht, die unsere Demokratie gefährdet. Doch das Internet gehört uns allen, wir müssen es von der Dominanz der Monopolkonzerne befreien: Unsere Gesellschaft braucht andere Plattformen für soziale Vernetzung, Austausch und Debatte als die chinesischer und US-amerikanischer Monopolkonzerne.“
So lautet das Credo von Save Social, einer Initiative, die sich für offene, demokratische und gemeinwohlorientierte soziale Netzwerke einsetzt, um die Macht der Monopolplattformen zu begrenzen und die digitale Demokratie zu stärken.Jeden ersten Sonntag des Monats stehen deshalb die Zeichen auf Digitale Souveränität. Mit dem Di.Day (Digital Independence Day) ruft die Initiative dazu auf, große Plattformen durch unabhängigere Alternativen auszutauschen. Dafür gibt es sogenannte „Wechselrezepte“ mit verschiedenen Schwierigkeitsstufen. So kann zum Beispiel die Buchhandlung nebenan die Buchbestellung auf Amazon ersetzen.
Was das für die Branche bedeutet, welche Gefahren durch große Abhängigkeit lauern und welche konkreten Alternativen für die Branche geeignet sind, erklärt der Initiator des Di.Days, Björn Staschen.
1. Was bedeutet „digitale Souveränität" ganz konkret für eine Buchhandlung oder einen Verlag? Woran erkenne ich, ob ich souverän aufgestellt bin oder nicht?
Digitale Souveränität bedeutet aus unserer Sicht vor allem Unabhängigkeit und Vielfalt. Das Konzept erklärt sich eher nicht über nationale Grenzen, sondern über die Frage: Wie sehr mache ich mich von einem digitalen Dienst abhängig? Die Testfrage lautet: "Was wäre, wenn – ein genutzter Dienst morgen für mich nicht mehr nutzbar ist, aus welchem Grund auch immer?"
Dabei geht es um unterschiedliche Felder, ein Beispiel: die Kommunikation. Pflege ich meine Community ausschließlich über Instagram, oder könnte ich die Besucher*innen meiner Lesungen auch noch erreichen, wenn Mark Zuckerberg morgen den Algorithmus ändert, weil ich beispielsweise einen Newsletter pflege? Funktioniert mein Online-Versand auch morgen noch, wenn Paypal deutsche Kunden nicht mehr akzeptiert? Kann ich die Arbeit im Team meiner Buchhandlung noch organisieren, wenn Google Mail, Docs & Co. ab morgen europäische Kunden blockieren? Wie schnell kann ich E-Mail- Adressen, Kontakte, Daten auf einer anderen Plattform nutzbar machen? Wenn ich nicht von einem Dienst abhängig bin – und wenn ich die "Was wäre wenn"-Frage entspannt beantworten kann, mache ich wohl einiges richtig mit Blick auf meine digitale Souveränität.
2. Welche konkreten Gefahren drohen der Buchbranche durch Plattform-Abhängigkeit und wie priorisiere ich, wo ich zuerst handle?
Ich bin kein Fachmann für die Buchbranche. Ein Thema, das sich aber auf alle und jede*n übertragen lässt, ist die Frage der Beziehung zu meinen Kund*innen, Kontakten - zu meiner Community: "Gehört" mir meine Community? Oder gehört sie eigentlich Instagram, Google oder TikTok? Entscheidend ist, dass ich meine Community erreichen kann, ohne, dass ich auf die Algorithmen anderer angewiesen bin. In die Beziehung zwischen mir und meinen Kontakten sollte sich niemand einmischen können. Darüberhinaus sind für die Buchbranche Themen wie Distribution und Versand, Bezahlung und Werbung relevant: Wie kann ich sicherstellen, dass auch hier nicht einzelne weisse Männer in den USA entscheiden, wer wann was sieht?
Die große Gefahr aus Sicht der Initiative Save Social besteht für jede Branche darin, von heute auf morgen eine sorgfältig aufgebaute Community zu verlieren, weil ein Meta-Konzernchef wie Mark Zuckerberg, ein chinesicher Staat bei TikTok oder ein US-Präsident durch Sanktionen entscheidet, dass ich meine digitalen Beziehungen nicht mehr pflegen kann. Das trifft nicht nur Buchläden, sondern auch Autor*innen und Verlage, die in der Aufmerksamkeitsökonomie zunehmend darauf angewiesen sind, direkt mit Leser*innen, Käufer*innen, allgemein: Menschen über digitale Plattformen zu kommunizieren. Es ist Zeit, dass wir die Regeln für diese digitalen Gespräche wieder selbst bestimmen und dafür alternative Netze stärken, die wir nach unseren Regeln betreiben.
Wir werben heute für das +1-Konzept, nämlich dafür, alternative Netze zu stärken, ohne gleich die Instagram-Community oder die BookTok-Fans ganz aufzugeben. Wer aber heute Alternativen stärkt, kann sie morgen nutzen, wenn ein ausländischer Plattformbesitzer sich quer steltt.
3. Welche fünf konkrete Maßnahmen empfehlen Sie als Einstieg auch für Akteure mit wenig Zeit und kleinem Budget?
Sehr konkret empfehlen wir, auch ein Netzwerk wie Mastodon mit Kurznachrichten zu bespielen und dort eine eigene Community aufzubauen. Zudem könnte ein/e Buchändler*in überprüfen, wie er sein Team und seine Arbeit organisiert: Der Abschied von Google ist leicht, beispielsweise durch die Nutzung einer Nextcloud und einen alternativen E-Mail-Anbiete wie Proton Texte lassen sich ebenso gut mit LibreOffice statt Microsoft schreiben. Und es wäre großartig, wenn Verlage von Autor*innen nicht Manuskripte im Microsoft-Format erwarten würde, sondern ihre Workflows umstellen. Dass es schon viele alternative Online-Händler für Bücher gibt, ist prima. Es wäre großartig, wenn diese Marktanteile zurückerobern würden. Wir plädieren auch dafür, Werbung nicht vor allem auf Meta zu schalten, sondern lokale oder regionale Medienangebote zu stärken, wenn es sie in der betreffenden Region gibt.
Mehr Infos und alle Wechselrezepte: https://di.day/de
Zitatquelle: https://savesocial.eu/
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