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Rede zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse 2026

18. März 2026, Gewandhaus Leipzig

Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels

- Es gilt das gesprochene Wort -

Es erfüllt mich heute mit besonderem Stolz, hier bei der Eröffnung der Leipziger Buchmesse 2026 als Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels sprechen zu dürfen. Der Höhepunkt des Bücherfrühjahrs: endlich kann er beginnen. 

Die Buchbranche hat es wirtschaftlich nicht leicht. Alles, was die Arbeit die letzten Jahre erschwert hat – die steigenden Kosten beim Personal, bei der Logistik, der Energie, bei den Rohstoffen, vor allem auch bei den Mieten sowie die überbordende Bürokratie –, hat sich nicht verbessert, im Gegenteil, es spitzt sich weiter zu. Und die aktuell neubegonnenen Kriege wie etwa im und rund um den Iran tragen zu einer weiteren Verschärfung bei. Da unterscheidet sich die Buchbranche nicht von der gesamten Gesellschaft, von der gesamten Wirtschaft dieses Landes. 

Die Gelegenheiten wie diese Buchmesse, auf der wir uns feiern können, auf der wir uns zeigen, einander begegnen, unsere Leidenschaft, unsere Begeisterung, unsere Liebe zu den Büchern teilen können, vielleicht auch mal die wirtschaftlichen Sorgen für kurze Zeit in den Hintergrund drängen, indem wir auch das eine oder andere Buch verkaufen, diese Gelegenheiten werden wir alle in den kommenden vier Tagen in den Messehallen und weit verstreut in den unzähligen Veranstaltungen des imposanten Programms von »Leipzig liest« in der Stadt zu nutzen wissen. Das Fest hat hiermit, mit dieser Eröffnung schon begonnen.

Die Leipziger Buchmesse hat in diesem Jahr einen Fokus, und der ist die Donau. Sie entspringt im Schwarzwald, versickert, taucht wieder auf, durchfließt dann Österreich, die Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien und Bulgarien und mündet schließlich in einem Fächerdelta zwischen Moldau, Rumänien und der Ukraine ins Schwarze Meer. Von Schwarz zu Schwarz, vom Wald zum Meer. Ein Länderschwerpunkt, diesmal besser gesagt ein Flussschwerpunkt.

Die Donau spielt schon in frühester Literatur eine Hauptrolle, nämlich beim Hochzeitszug der Nibelungen, was ihr den Spitznamen »Nibelungenstraße« eingebracht hat, vom Rhein donauabwärts über Passau, durch die Wachau bis ins niederösterreichische Tulln, wo König Etzel seine Nibelungenbraut Kriemhild empfängt und weiter mit nach Ungarn nimmt, bis zur Etzelburg in Esztergom/Gran – wo – Sie wissen das alle – den Nibelungen ein Ende bereitet wird und sie blutig und gnadenlos ausgelöscht werden. Wir wollen aber, vor allem heute Abend, kein Omen darin sehen. Sondern wollen uns heute und in den kommenden Tagen neugierig auf die Literatur stürzen, die die Donauanrainer, flussaufwärts diesmal, mitgebracht haben.

Die Erleichterung war groß, als die Buchstadt Leipzig ihrem Titel – Buchstadt! – alle Ehre machte und – mit ein bisschen unterstützendem Druck – noch vor der Buchmesse beschloss, dem Literaturhaus Leipzig eine Zukunft zu versprechen. Eine Buchstadt ohne Literaturhaus, das wäre unvorstellbar gewesen, zumindest ich will mir das nicht ausmalen. Ich bin froh, dass wir diese Frage auf der Messe nicht mehr debattieren müssen. Denn gerade in Zeiten, in denen die freien gesellschaftlichen Räume für Austausch, für Informationen und Begegnungen, ja, auch für freies Denken immer enger werden, sind Literaturhäuser enorm wichtig. Gut zu wissen, dass es hier in Sachsen, in Leipzig, weiterhin und dauerhaft das ganze Jahr über, nicht nur zu Buchmessezeiten, einen starken Ort für Literatur gibt. Auch Bibliotheken sind übrigens solche Orte, gar Nationalbibliotheken mit ihren Lesesälen, in denen es nicht nur downloadbare Dateien, sondern für alle zugängliche gedruckte Bücher gibt und die der Hort unseres kulturellen Erbes sind. Eine Grundlage unserer nicht nur schriftlichen Kultur.

Ich möchte aber über den Stolz sprechen, den ich eingangs erwähnt habe. Dieses Stolzes war ich mir bis vor kurzem noch gar nicht so bewusst. Doch spätestens in den letzten knapp drei Wochen, seit diese Buchbranche und die Buchöffentlichkeit bewiesen haben, wie stark, wie aufrecht, wie laut, wie widerständig sie sein können, ist mir dieser Stolz umso klarer geworden. Denn wir – Bücher Produzierende, Verkaufende, Lesende –, wir lassen uns eben nicht einschüchtern durch politische Interventionen, die unsere Freiheit und Unabhängigkeit infrage stellen wollen. Wir lassen uns auch nicht spalten, nicht gegeneinander ausspielen durch drohenden Einsatz von Verfassungsschutz. Das Gegenteil ist der Fall: Der Sphäre der Politik und der Geheimdienste wurde deutlich gezeigt, dass wir ihre Stigmatisierung und ihre begriffliche und weltanschauliche Verengung der Vielfalt, ja, ihren fragwürdigen autokratischen Gestus nicht klaglos akzeptieren. Und das erfüllt mich mit Stolz.

Ganz besonders die vielfältige und solidarische Buchhandlungskultur dieses Landes hat mich in den letzten Tagen während der Diskussionen rund um den vielfach beschnittenen Buchhandlungspreis beeindruckt. Noch gibt es eine Vielzahl dieser unabhängigen größtenteils inhabergeführten Sortimentsbuchhandlungen, dieser Sehnsuchtsräume aller Lesenden, oder dieser Tankstellen des Geistes, wie Monika Grütters sie – Helmut Schmidt paraphrasierend – bei Gründung des Preises 2015 genannt hat.

Persönliche Vorteile und Interessen werden zurückgestellt, wenn es darum geht, grundsätzliche Werte und demokratische Überzeugungen zu verteidigen.

Wir sind keine Branche der begrenzten Meinungs-, Denk- oder Sprechkorridore. Wenn wir Vielfalt sagen, dann streben wir die größtmögliche Bandbreite an Meinungen und Positionen an, nicht Entweder-oder, sondern Sowohl-als-auch; wenn wir von Offenheit sprechen, dann vertrauen wir auf die Kraft des besseren Arguments und das Ergebnis der unvoreingenommenen Auseinandersetzung, und auch auf die Stärke der Empathie, die der und die Lesende unweigerlich durch die Lektüren eingeübt hat. 
Diese Empathie, diese Solidarität, diese Widerstandskraft – die demokratischen Werte, die wir durch die Lektüren von Büchern gewinnen und die in den letzten Tagen auf Seiten der Buchbranche deutlich sichtbar wurden –, sie erfüllen mich mit Stolz, und sie geben uns allen Grund, diese Buchmesse zu einem großen Fest werden zu lassen.