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Buchmessen – Die Buchbranche und das Weltbild: Gastland Philippinien in Frankfurt

Nach der Buchmesse ist vor der Buchmesse! Während unsere Vorfreude auf die Leipziger Buchmesse steigt, heben wir für euch ein paar Unterschiede der Buchmessen Frankfurt und Leipzig hervor. Sophia war für uns auf Veranstaltungen in Frankfurt dabei!
Erstellt am 04.03.2026


Ein Beitrag von Sophia Smolinski zum Thema Klima und Sprache

Ein paar Worte vorweg: Die Frankfurter Buchmesse gilt als eine der größten Buchmessen für Fachbesuchenden und wird zum Wochenende dann allen geöffnet. Das Gelände in Frankfurt ist zudem deutlich größer als Leipzig und die Verlagsgäste international. Leipzig als reine Publikumsmesse, setzt auch mit der gleichzeitig stattfindenden Comic-Con einen anderen Fokus. Am coolsten ist es natürlich, wenn man auf beide Messen fahren kann. Die Zukunfts-AG ist auch immer beim Azubistro dabei. Buchessen sind einfach immer eine Reise wert und nach der Messe ist immer auch vor der Messe!

Die Frankfurter Buchmesse dieses letztes Jahr war für mich ein ganz besonderes Erlebnis. Das erste Mal war ich Donnerstags und Freitags, also zwei ganze Tage dort und hatte tatsächlich Zeit die verschiedenen Beiträge so richtig zu genießen und trotzdem noch durch die Hallen zu schlendern. 

In diesem Beitrag möchte ich auf solche Beiträge eingehen und ein paar Gedankengänge äußern, zu denen besonders Vortragende des Gastlandes Philippinen beigetragen haben.

Die Philippinen sind Heimatland vieler verschiedener Sprachen, einiger indigener wie Tagalog, Cebuano, Ilokano oder Hiligaynon (um die vier größten zu nennen) und dann noch Spanisch und Englisch als Amtssprachen, die durch verschiedene kolonialmotivierte Besetzungen eingeführt wurden. Im Gastlandpavillion konnte man Sprache und Kultur als Denkmedium erfahren. Bei einem Vortrag zum Thema “Wie man über den Klimawandel schreibt” wurden die Erfahrungen einer vielsprachigen Gesellschaft aber noch einmal auf den Punkt gebracht.

Hierbei haben drei Sprechende und ein Moderator verschiedene Seiten von Sprache als Diskurs- und Denkmedium beleuchtet. Die Grundannahme war, dass die Sprache, in der wir denken, beeinflusst, wie wir uns mit der Welt auseinandersetzen. Der Klimawandel ist ein großer Diskurs, der primär auf Englisch geführt wird, weil der Klimawandel ein globales Problem ist. Allerdings beeinflusst jeder Mensch das Klima lokal und auch die Auswirkungen werden zuallererst lokal gespürt. Daher sollte nicht nur auf Englisch über das Klima gesprochen werden, da so die lokalen Probleme und Lösungen wesentlich vernachlässigt werden.
Den Anfang des Vortrags „How do We Write about Climate Change?“ machte Prof. Marjorie Evasco, indem sie von ihrem Projekt Iyas berichtet hat. Iyas ist ein Schreibworkshop, der die Schreibenden ermutigt in ihrer regionalen und lokalen Muttersprache zu schreiben. Dabei wird der Fokus daraufgelegt, mit und von der Umwelt zu schreiben. Die Schreibenden werden dabei von Fachberatenden, z.B. Fischern, unterstützt. Besonders im Austausch mit den Fachberatenden fällt der Vorteil der lokalen Muttersprache auf: Lokale Probleme und kulturelles Wissen muss nicht erst in eine neue Sprache übersetzt und umgedacht werden, sondern kann ohne Übersetzungsbarriere direkt verarbeitet werden. Kulturelles Wissen, das das Klima ohnehin schützt, fließt ganz natürlich in die Texte ein und ermöglicht eine Wertschätzung der Natur.
Diese Wertschätzung wurde besonders von Maira Paz Lunax, einer weiteren Vortragenden, betont. Sie sieht in einer Wertschätzung der Umwelt die Lösung vieler Probleme. Wenn die Menschen lernen, ihre Umwelt wieder zu bestaunen, setzen sie sich zwangsweise mehr für den Schutz dieses Wunders Natur ein. Der Klimawandel wird so konkret und bleibt kein globales Problem, gegenüber dessen Herausforderungen die Einzelperson eher ohnmächtig scheint.
Der dritte Sprecher, Red Constantino, hat besonderes Augenmerk daraufgelegt, dass bei Iyas große Diskursbegriffe — wie Klimawandel, Energie, Methan- und CO²-Emissionen — nicht erlaubt sind. Das Klimawandel und die Diskussion darum soll nicht der Fokus der Texte sein, sondern die Umwelt an sich. Es geht nicht darum passend zum Eco-Label Texte zu kreieren. Die Texte sollen vor allem die Welt als Umwelt hervorheben. Der Mensch lebt in ihr, aber sie ist nicht nur Schauplatz des menschlichen Lebens. Iyas soll keine Literatur der Zerstörung und keine Aussicht auf Katastrophen hervorbringen. Bei Iyas sollen Geschichten in der Umwelt beschrieben werden, die noch nicht erzählt wurden.
Mir hat der Vortrag gezeigt, wie wichtig es ist, seinen Horizont auszuweiten und anderen Sprachen zuzuhören. Die drei Sprechenden haben Perspektiven in Worte gefasst, über die ich schon nachgedacht, die ich aber nicht benennen konnte.

Mit diesem Vortrag konnte ich das Wissen, das ich zuvor bei der Zentrum Wort Bühne zu Übersetzen als politischer Akt erworben habe, ganz neu einordnen. 15 % der Bücher auf dem deutschen Markt sind Übersetzungen, davon sind 60 % Übersetzungen aus dem englischen Sprach- und Kulturraum. Zudem wird bei vielen Büchern aus anderen Sprachräumen wie den indischen Sprachen, gewartet, bis eine Übersetzung im Englischen vorliegt. Dies folgt kolonialen Mustern und wir in Deutschland dürfen die Erzählung erst erleben, nachdem sie schon einen kulturellen und sprachlichen Übersetzungsdurchlauf mitgemacht hat. Einerseits erst, sobald die Erzählung sich auch als “erfolgreich” in einem anderen uns näheren Kulturraum erwiesen hat und andererseits übersetzen wir dann die Übersetzung. Der Verlust von Konnotationen wird also in vielen Fällen erhöht. Claudia Hamm und Jana Lissek haben deshalb zu Mut aufgerufen. Sie wünschen sich, dass mehr Übersetzer*innen und vor allem mehr Verlage mutig sind und neue Kulturen öffnen. Sie haben außerdem sensibilisiert für koloniale Sprache, die in Übersetzungen häufig reproduziert wird. Der Begriff “Häuptling” für Oberhaupte der amerikanischen Nationen, ist ein Begriff, der das politische System herabsetzt. Die Oberhaupte nicht als gleichwertig mit den europäischen Monarchen ansieht.
Sprache verschiebt Bedeutungen: Ja, wir können lernen, nicht nur die Bilder zu sehen, die ein Wort in uns auslöst, sondern den echten Bezug hinter dem Wort. Aber indem wir Begriffe stur weiter produzieren, da die Menschen, die sich auskennen, ja den wahren Bezug kennen, grenzen wir nur Menschen, die lernen wollen, von diesem Wissen aus. Wir machen die Kulturen nicht zugänglich.

 

Abschließen möchte ich diesen Beitrag mit einer Beschreibung zweier musikalischer Beiträge: Mit El Paraiso zeigte ein philippinischer Chor, wie man mit Sprachen und Musik Kulturen vereinen und vermitteln kann. Das Lied war auf den Sprachen Englisch und Spanisch, die aber zu philippinischer Musik sowie über und mit der philippinischen Kultur gesungen wurden. Das Ergebnis war ein Gänsehautmoment, der gezeigt hat, dass Austausch von Kulturen produktiv und schön sein kann. Sprachen müssen keine Barrieren sein, wenn man ihnen mit Offenheit begegnet und alle Seiten ohne Zwang und Egoismus an den Austausch herantreten.

Schreiben, Publizieren und Handeln ist also politischer als man manchmal denkt. Denn unser Weltbild erschafft die Politik, mit der wir leben wollen, und die Informationen, die wir haben und lesen, erschaffen unser Weltbild. Ich hoffe, in meiner gerade beginnenden Karriere einige mutige Entscheidungen hin zu einer besseren Welt treffen zu können. Diese erste Messe zwischen Fachbesucher und privater Faszination hat mir auf jeden Fall eine Menge Motivation dazu gebracht. Ich bin gespannt auf das Erlebnis in Leipzig! Wir werden berichten, wie es sich von den Erfahrungen in Frankfurt unterscheidet.

 

*Ich gebe in diesem Text einerseits die Meinungen der Vortragenden wieder und natürlich fließt dabei auch meine eigene Meinung etwas ein. Dies ist ein Gedächtnisprotokoll und hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Falls ihr anderer Meinung seid oder einer der Vortragenden, dessen Meinung ich missverständlich oder anders als intendiert hier wiedergebe, freue ich mich auf Rückmeldung und einen folgenden Dialog. 


04.03.2026

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