Projekte des Börsenvereins und der Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins

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Start in einen neuen Lebensabschnitt

Im Mai 2021 hat Ute Henze ihre Buchhandlung in Wolgast in Mecklenburg-Vorpommern an ihren Nachfolger Marco Müller verkauft. Wie sich sich darauf vorbereitet hat, wo sie ihren Käufer fand und wie es ihr heute geht, berichtet sie im Gespräch mit dem Börsenverein.

© Gunnar Gotter

Wie lange im Voraus haben Sie den Verkauf geplant?

Ziemlich am Anfang meiner Selbstständigkeit Anfang der 90 Jahre habe ich einen Artikel gelesen, in dem darüber berichtet wurde, wie Firmen oft von ihren eigenen Gründern zu Grunde gewirtschaftet werden. Eine Firma, ein Geschäft ist wie ein Leben. Und im Alter erkennt man notwendige Veränderungen nicht mehr oder verweigert sich den neuen Erfordernissen.  Also war für mich klar, ich muss meine Buchhandlung auf dem Höhepunkt ihrer Existenz weitergeben. Nach 30 Jahren war es also für mich ein guter Zeitpunkt.

Ich habe ja einen Traum: die Buchhandlung in Wolgast feiert erfolgreich ihr 100-jähriges Bestehen und ich stehe als Gründerin in der Chronik. Das wäre doch schön.

Haben Sie im Vorfeld in Ihren Laden investiert, um ihn noch attraktiver zu machen?

Jein! Da ich sehr viel Zeit in meiner Buchhandlung verbracht habe, war mir der Wohlfühlfaktor immer wichtig. Die Buchhandlung hat in all den Jahren immer einen gepflegten, liebevoll gestalteten Eindruck vermittelt.

2017 durfte ich dann an einem Libri-Campus in Bad Hersfeld teilnehmen und habe dort den Münchener Unternehmensberater und Ladengestalter Wolfgang Gruschwitz kennengelernt. Seine Ansichten von der Gestaltung eines Verkaufsraumes haben mich total überzeugt und so haben wir im Januar 2018 der Buchhandlung in viel Eigenarbeit ein neues Aussehen verpasst.

Hatten Sie Unterstützung von einer Betriebsberatung oder Steuerberatung?

Im Januar 2020 habe ich das Libri-Seminar „Eine Buchhandlung kaufen oder verkaufen“ mit Dr. Klaus-W. Bramann in Hamburg besucht. Dieses Seminar war sehr praxisnah und kompetent gestaltet und ich kann die Teilnahme nur jedem empfehlen, der sich mit dem Gedanken trägt, eine Buchhandlung zu kaufen bzw. zu verkaufen. Meine Steuerberaterin hat mich natürlich in allen steuerlichen Dingen beraten. Gute Ratschläge und Hilfe gab es auch von Volker Petri vom Börsenverein Landesverband Nord.

Marco Müller, der Käufer meiner Buchhandlung, hat sich Unterstützung von einer Unternehmensberatung geholt. Das war eine kluge Entscheidung, denn eine neutrale Risiko- und Gewinnanalyse ist Goldwert. Der Kauf einer Buchhandlung ist eine weitreichende Entscheidung und sollte klug durchdacht werden.

Wie haben Sie den Kaufpreis festgelegt?

Ich hatte einen Wunschpreis im Kopf und Marco Müller hat mir auf Grund der betriebswirtschaftlichen Auswertung seines Unternehmensberaters ein Angebot unterbreitet und ich glaube, wir sind beide glücklich mit dem Preis. Selbstverständlich habe ich alle Zahlen offengelegt, so dass es auch keine Überraschungen für ihn gab und gibt.

Wo haben Sie Ihren Nachfolger Marco Müller gefunden? Per Anzeige oder Mund-zu-Mund-Propaganda? Wie lange haben Sie gesucht?

Durch die Veröffentlichung in der „Buchhandlungsbörse“ auf der Internetseite des Börsenvereins kamen die meisten Anfragen. Ich habe mein Inserat im Juni 2020 veröffentlicht und im November waren Marco Müller und ich uns einig.

Gab es eine Einarbeitungszeit?

Vier Wochen haben wir beide zusammengearbeitet und ich glaube, für Marco Müller war es eine extrem aufregende Zeit. Mir hat es unheimlich viel Spaß gemacht, mein Wissen weiterzugeben. Und natürlich habe ich auch nach dem Verkaufstermin noch Fragen beantwortet.

Wurde das Team übernommen?

Ja, das war für mich auch Voraussetzung für den Kaufvertrag. Meine Mitarbeiterin hat mich dreißig Jahre lang kompetent und sehr zuverlässig begleitet.

Wann haben Sie Ihre Mitarbeiterin informiert?

Mir war bewusst, dass die Mitteilung über den Verkauf der Buchhandlung meine Mitarbeiterin sehr berühren wird. So habe ich es ziemlich lange verschwiegen, aber 8 Monate vor dem Verkauf habe ich es ihr dann gesagt und auch ausführlich begründet.

Viele Buchhändler*innen können sich nur schwer von ihrem Laden trennen und haben Sorge, dass sich dort ggf. alles verändert? Haben Sie Tipps, um diese Sorgen zu nehmen?

Veränderungen müssen sein und wird es immer geben. Das ist auch gut so. Man sollte dankbar sein, wenn die Buchhandlung weitergeführt wird – auch wenn einiges anders läuft. Anders muss nicht schlechter sein. Ich gehe sehr gern in „meine“ Buchhandlung; schaue, wie es dort läuft und freue mich über Neues.

Würden Sie etwas anders im Verkaufsprozess machen?

Nein, es ist perfekt gelaufen.

Wie geht es Ihnen heute?

Mir geht es sehr gut; ich habe die Entscheidung nicht bereut. Natürlich gab es Tränen, ich war die ersten drei Tage nach der Übergabeinventur nicht ansprechbar. 

Aber dann habe ich mir eine Auszeit gegönnt, die ich sehr genossen habe. Corona hat zwar einiges nicht ermöglicht, was ich gern getan hätte. Trotzdem habe ich endlich Vorhaben realisiert, die ich schon immer mal machen wollte, z.B. das Bauhaus und Worpswede ausführlich erkunden und auf dem Oder-Radweg radeln.

Und nun bin ich ja als „Mobile Buchhändlerin“ unterwegs und kann Kollegen & Kolleginnen helfen.

Was möchten Sie Nachfolgesuchenden mit auf den Weg geben?

Seien Sie offen für Veränderung – und kaum vorstellbar, aber wahr: man kann auch ohne eine Buchhandlung leben. Die Liebe zu Büchern bleibt aber ungebrochen und man fühlt sich der Buchbranche auch weiterhin sehr verbunden.