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Blogbeitrag Nachwuchsblog

Im Gespräch mit: Anke Oxenfarth.

Der [ˈnaːxvuːks]blog im Gespräch mit Anke Oxenfarth, Leiterin der Stabsstelle Nachhaltigkeit beim oekom Verlag – über nachhaltige Perspektiven und den Umgang mit Rohstoffen in der Verlagsbranche.
Erstellt am 16.12.2021


Die Fragen stellte Nik Schumacher.

Liebe Frau Oxenfarth, Nachhaltigkeit ist ein sehr weit gefasstes Themenfeld. Wie definieren Sie, als Vertreterin des oekom Verlags, diesen Begriff?

Nachhaltigkeit ist für uns die Aufgabe, so zu leben, dass auch nachfolgende Generationen noch genug zum guten Leben haben. Wir sind da sehr nahe an der Brundtland-Definition von 1987.

Die Themen ‘Nachhaltigkeit’ und ‘Klimaschutz’ sind derzeit in aller Munde. Meinem Eindruck nach scheint die Buchbranche diesbezüglich eine Vorreiterrolle einnehmen zu wollen. Wird sie diesem Anspruch bereits gerecht? 

Ich glaube, dass es einige Vorreiter in der Branche gibt, die sich sowohl thematisch um die Themen kümmern als auch als Verlage einen anderen Weg gehen. Da gehört oekom dazu und ist vielleicht auch der größte Vorreiter. Insgesamt ist seit einigen Jahren zu beobachten, dass mehr Verlage in diese Richtung gehen. Allerdings muss man da die Spreu vom Weizen trennen. Es genügt nicht, wenn man Bücher aus Kostengründen weiterhin im Ausland druckt und dann im Nachhinein die Kompensation dafür zahlt. Auch wir kompensieren unsere unvermeidbaren Emissionen bereits seit 2008, haben aber vorher bereits Schritte unternommen, um insgesamt weniger CO2 zu produzieren. Obwohl wir stetig wachsen. Nur dann ergibt es für mich Sinn, zu kompensieren.

Insgesamt ist die Buchbranche gerade erst am Anfang. Es gibt ein paar Verlage, die einzelne Maßnahmen unternommen haben und diese auch geschickt marketingmäßig lanciert haben, aber ich glaube die Buchbranche fängt jetzt gerade erst an, zu begreifen, was es eigentlich bedeutet, wenn man als Verlag oder Vertriebsunternehmen konsequent auf das Thema Nachhaltigkeit setzt und selbst nachhaltig agieren möchte. Das wundert mich zwar ein bisschen, da es schon seit 2015 klare Leitlinien gibt, die auch leicht umzusetzen sind, nämlich den Blauen Engel für Druckerzeugnisse, das RAL-UZ 195, das wir mitinitiiert haben. Damals, zwischen 2011 und 2015, als die beiden Projekte liefen, war ich auf der Buchmesse und sah dort die immer gleichen Gesichter, die aber sowieso schon in dem Thema unterwegs waren und sind. Insgesamt ist das Thema aber trotz diverser Interviews und Branchenveranstaltungen nicht so richtig durchgestartet.

Mittlerweile hat Nachhaltigkeit einen ganz anderen gesellschaftlichen Stellenwert. Sie ist Zeitgeist, ist Mainstream und da wollen natürlich auch alle mitmischen, um keine Marktanteile zu verlieren. Ob wirklich alle durchdrungen haben, was zu tun ist, und ob sie es wirklich ernst meinen, oder ob da wie immer auch Greenwasher und Trittbrettfahrer dabei sind, wage ich noch nicht abzusehen. Insgesamt freuen wir uns bei oekom, dass die Branche endlich aufsteht und etwas tut. Da setze ich sehr auf die jungen Leute, die das ernst meinen und auch konsequent umsetzen wollen.

Bücher werden in aller Regel noch auf Papier gedruckt, für das Bäume gefällt werden müssen. Muss sich das grundlegend ändern?

Nein, es muss sich nicht grundlegend ändern, und es wird sich meiner Einschätzung nach auch nicht grundlegend ändern, denn das wäre nicht per se gut oder besser. Menschen sind haptische Wesen. Außerdem hat die Gehirnforschung längst bewiesen, dass es für das Verstehen von Inhalten besser ist, wenn wir es im wahrsten Sinne des Wortes „begreifen“ können, also ein Buch in die Hand nehmen. Auch, dass wir Inhalte anders wahrnehmen, wenn wir sie uns nur digital erschließen. Das hat man jetzt während der Corona-Zeit sehr beim Home-Schooling bei den Kindern und Jugendlichen gemerkt. Das Lesen von gedruckten Büchern wird nicht aufhören.

Worüber wir uns aber große Gedanken machen müssen, ist die Ausstattung der Bücher. Auf was für Papier werden sie gedruckt? Wo werden sie gedruckt? Werden sie im Ausland gedruckt, weil man pro Buch beispielsweise 25 Cent spart. Noch kostet der Transport nicht genug, um diese Praxis zu beenden. Dann hat das Unternehmen zwar vielleicht einen Gewinn gemacht, aber die Umwelt hat ein dickes Minus gemacht. Außerdem müssen wir uns überlegen, wie viele Bücher wir denn eigentlich drucken müssen. Die Branche veröffentlicht ungefähr 70.000 Titel pro Jahr allein in Deutschland. Müssen wir da immer sagen: „Wir schmeißen jetzt erstmal 5.000 oder 30.000 oder mehr auf den Markt und schauen, wie viel wir verkaufen. Den Rest makulieren wir dann halt wieder“? Ich glaube, es geht darum, sehr genau zu überlegen, wieviel wir drucken und wie wir die Bücher ausstatten. Nehmen wir Recyclingpapier, drucken wir in Druckereien, die entweder mit dem Blauen Engel für Druckerzeugnisse zertifiziert sind, oder, wenn man sich das leisten kann, mit dem Cradle-to-cradle-Zeichen. Das alles sind Fragen, die sich jeder Verlag bei jedem Produkt neu stellen kann. Da gibt es klare Handreichungen, nicht nur die genannten Umweltzertifikate, sondern auch unser Kleines 1 x1 des nachhaltigen Publizierens. Wenn man sich darum kümmert ist man auf der richtigen Seite, muss aber seine Profiterwartungen relativieren.

Mittlerweile hat Nachhaltigkeit einen ganz anderen gesellschaftlichen Stellenwert. Insgesamt freuen wir uns bei oekom, dass die Branche endlich aufsteht und etwas tut. Da setze ich sehr auf die jungen Leute, die das ernst meinen und auch konsequent umsetzen wollen.

— Anke Oxenfarth

Es gibt bereits diverse Rohstoffe aus denen ebenfalls Papier hergestellt werden kann, die ressourcensparender sind als Holz. Welche/ Welchen halten Sie aus wirtschaftlicher und ökologischer Sicht für vielversprechend?

Grundsätzlich bin ich ein Fan vom Denken in Kreisläufen. Das muss viel mehr zum Standard werden. Daher setze ich sehr auf Recyclingpapier. Wir sehen gerade, dass es davon zu wenig gibt. Die Papierpreise schießen in die Höhe und sorgen bei den Verlagen für Mehrkosten von bis zu 30 %. Was alternative Papiersorten, wie beispielsweise Graspapier, Apfelpapier oder Steinpapier angeht, muss man sehr genau hinsehen und überlegen, was diese Papiersorten mit dem Recyclingkreislauf machen. Beim Apfelpapier sind Apfelschalen und ein großer Teil Frischfaser drin. Steinpapier kommt aus China und wird mit Verfahren hergestellt, die für mich aus der Ferne sehr energieaufwändig scheinen. Graspapier und Hanfpapier sind vieldiskutierte Alternativen. Sie stehen aber momentan längst nicht in der Menge und Qualität zur Verfügung, die die Verlage benötigen. Grundsätzlich ist es immer gut Neues auszuprobieren, besonders mit Rohstoffen, wie Gras, die praktisch überall wachsen. Aber von einer realen Verfügbarkeit auf den Papiermärkten sind wir noch weit entfernt.

Der Trend geht stark in die Richtung Bücher nicht mehr einzuschweißen. Wie kann man dafür sorgen, dass die Bücher trotzdem unbeschadet über die Ladentheke gehen und nicht selbst durch Beschädigung zu Verschwendung von Ressourcen werden?

2016 haben wir angefangen, unsere Bücher nicht mehr einzuschweißen. Das tun ja auch andere Verlage. Da muss man sich schon bei der Gestaltung des Covers Gedanken machen. Ein weißes Cover beispielsweise kann schon durch einen kleinen Fleck beschädigt werden. Bei uns hatte auch unsere Buchabteilung auch Sorgen, als der Vorschlag aus der Stabsstelle Nachhaltigkeit kam, die Bücher nicht mehr einzuschweißen. Es kamen schlussendlich aber nur ein oder zwei Reklamationen der Buchhandlungen, bei denen Bücher ersetzt werden sollten. Also das funktioniert total gut, wenn der Handel mitspielt und beispielweise die Kund:innen auch darauf hinweist, dass das Buch bewusst nicht verpackt und dementsprechend zu behandeln ist. Das ist nicht allein die Aufgabe der Verlage. Alle, die in dieser Branche tätig sind, müssen sich zusammenfinden und diskutieren, wie sie das umsetzen wollen und können.

Können Sie eine Einschätzung dazu abgeben, wie lange es noch dauern könnte, bis das sogenannte „Cradle-to-cradle-Konzept“ in der Buchproduktion großflächig zur Anwendung kommt?

Ich weiß gar nicht, ob es das sollte. Cradle-to-cradle ist ein gutes Prinzip, nämlich Kreisläufe in biologische und technische zu trennen. Da bin ich sehr dafür. Aber das Geschäftsmodell, das dahinter liegt, ist schwierig. Es arbeitet mit einem Copyright, in das man sich einkaufen muss. Das macht es sehr teuer. Außerdem ist es sehr intransparent. Wenn man nicht Mitglied im Club ist, weiß man nicht, wie dieses Papier zusammengesetzt ist. Das bemängeln unter anderem die INGEDE und das Umweltbundesamt. Das Konzept sorgt zwar dafür, dass die Rohstoffe wieder in die Kreisläufe zurückgeführt werden, fragt sich aber nicht ausreichend, wie wir das mit der nötigen CO2-Minderung hinkriegen.

Können Sie ein uns eine Buchempfehlung zum Thema Nachhaltigkeit geben?

Nun ja, all unsere Bücher beschäftigen sich mit dem Thema Nachhaltigkeit, insofern ist die Frage so nicht so einfach zu beantworten, aber wenn Sie etwas über nachhaltiges Publizieren wissen möchten, finden Sie dazu Informationen unter: www.nachhaltig-publizieren.de.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Oxenfarth.

 

Dieser Blogpost erscheint im Rahmen des (verlängerten) Nachhaltigkeits Novemberseiner Initiative des [ˈnaːxvuːks]blogs.


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