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Blogbeitrag Nachwuchsblog

Im Portrait: Dalibor Marković.

Über 20 Jahre Bühnenerfahrung hat der Poetry-Slam-Meister Dalibor Marković bereits gesammelt. Seine Vorträge haben alle eins gemeinsam: Sie dauern nur wenige Minuten. Im kompletten Gegensatz dazu steht sein Debütroman, der im September erschienen ist.
Erstellt am 29.10.2021


Von Frederike Zlotnik

Arbeit an Texten

 

"Es ist eine Charakterfrage eines jeden Künstlers, ob man sich dafür entscheidet, Gedichte und Bühnentexte zu schreiben, die klein, kompakt und kurz sind, oder einen Roman, der mit seiner Komplexität dazu im krassen Kontrast steht."

— Dalibor Marković

Zu Beginn interessiert es mich, wie lange Dalibor Marković an seinen Bühnentexten arbeitet. Die Dauer des Schreibprozesses, inklusive Vor- und Nachbereitung, bis ein Text final steht, wird immer länger, verrät der Slammer mit einem Schmunzeln. Dabei lehnt Marković sich in seinem Stuhl zurück und schwelgt kurz in Erinnerungen.

Vor 20 Jahren hat er die Form des Poetry Slams für sich entdeckt und von da an regelmäßig an Veranstaltungen in Frankfurt teilgenommen. Seine Vorbereitung bestand darin, erst einen Tag vorher einen Text zu schreiben, frei nach dem Motto:

"Wenn es nicht gut wird, gehe ich halt nächsten Monat wieder hin! Ich war so unbedarft."

Dies würde mittlerweile nicht mehr funktionieren, gibt er zu. Unter einem Monat Bearbeitungszeit schließt er keinen Bühnentext mehr ab. Das begründet Marković damit, dass er mit der Zeit viele Erfahrungen gesammelt hat und parallel dazu der Anspruch an sich selbst gestiegen ist. Er gewährt mir einen Einblick in seine Arbeit an neuen Texten und erklärt mir, worauf er im Besonderen achtet.

Die Bearbeitung der meisten seiner Texte ist nicht automatisch vor dem ersten Auftritt abgeschlossen. Vielmehr probiert er die Texte vor dem Publikum aus, um Reaktionen zu testen. Häufig merkt er erst während der Auftritte, dass seine Texte noch nicht rund sind oder bestimmte Passagen vom Publikum anders aufgenommen werden, als er erwartet hatte. Zum Beispiel fragt er sich dann, weshalb das Publikum bei bestimmten Textstellen lacht, obwohl sie von ihm nicht lustig gemeint waren. Aufgrund der Reaktionen kann er so herausfiltern, was er noch verändern oder anpassen muss. Auf meine Frage, ob er auf Knopfdruck kreativ sein kann, geht er gekonnt mit einem Wortspiel ein:

"Nicht auf Knopfdruck, aber auf Druck."

Bei manchen Projekten wird ihm auch eine Deadline gesetzt. Dann kann er sich zwar dazu zwingen, den Text rechtzeitig fertig zu stellen, allerdings resultiert daraus häufig eine Unzufriedenheit, da er mit dem Ergebnis nicht zu 100% zufrieden ist. Passend zieht er das Fazit:

"Druck fördert zwar den Prozess des Fertigwerdens, kann sich aber negativ auf die Qualität des Inhalts auswirken."

Marković tritt nicht nur als Solist auf, sondern auch zusammen mit Dominique Macri. Als „Team Scheller“ gewannen sie 2014 die deutschsprachige Poetry-Slam-Meisterschaften in Dresden. Zusammengefunden haben sie erst im selben Jahr und das auch eher per Zufall. An dem Abschlussabend einer Tournee sollten nur Gruppen auftreten.

"Wir waren die einzigen Solisten unter den Teilnehmer:innen, deshalb mussten wir ein neues Team gründen und das mit Erfolg: Wir haben den Abend gewonnen!"

Der Schaffensprozess zu zweit ist immer wieder aufs Neue eine Herausforderung: Man muss Kompromisse eingehen und Möglichkeiten diskutieren, denn jede:r Künstler:in hat seine eigene Art zu schreiben und zu performen. Das Ziel ist, beide Stile zu einem zu verweben, dann kann etwas Wundervolles erschaffen werden, wozu man allein nicht imstande gewesen wäre.

 

Workshops

 

Neben seiner Karriere als Poetry Slammer bietet Marković seit mehr als 15 Jahren kreative Schreibworkshops zum Thema "Poesie verfassen und vortragen" an. Zu Beginn hat er hauptsächlich eintägige Kurse an Schulen gegeben, mittlerweile erstrecken sich manche Workshops über einen längeren Zeitraum, was er als sehr wertvoll betrachtet, da man in dieser Zeit eine Entwicklung bei den Teilnehmer:innen erkennen kann.

Auch kulturelle Vereine engagieren Marković, wie zum Beispiel bei dem Projekt „Meine Worte! Meine Orte!“, bei dem er 2004 mitgewirkt hat. Die Gründungspartner sind das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst (HMWK) und der Hessische Literaturrat e.V.. Über einen Zeitraum von zehn Monaten hat Marković sich regelmäßig mit einer Gruppe von Jugendlichen getroffen, sie zum Schreiben motiviert und bei der Entwicklung ihrer eigenen Texte begleitet und unterstützt. Die fertigen Texte wurden am Ende des Projekts aufgenommen und auf dem Kulturradio hr2 übertragen. Momentan finden seine Workshops ausschließlich digital statt.

 

Arbeiten während der Pandemie

 

Als Künstler wird Markovićs Arbeit von der Pandemie insofern beeinträchtigt, als dass er seine neuen Bühnentexte vor keinem Publikum ausprobieren und somit seine Texte nicht nachbereiten kann. Er hat aber bereits Erfahrungen mit alternativen Auftritten gesammelt und berichtet mir von einem Auftritt in Stuttgart. Im vergangenen Sommer ist er dort in einem Autokino aufgetreten:

"Ich komme auf die Bühne und stehe vor 300 Autos und man hat das Gefühl vor einem Parkplatz zu stehen, weil man die Gesichter des Publikums nicht sieht, bis sie sich durch Lichthupe und Hupe bemerkbar gemacht haben."

Marković lenkt ein, dass es eine interessante Erfahrung gewesen sei, er jedoch ungern die nächsten zehn Jahre nur noch vor Autos auftreten möchte.

Zudem berichtet er von verschiedenen digitalen Möglichkeiten, sichtbar zu bleiben. Marković trägt nicht nur eigene Bühnentexte vor, sondern organisiert und moderiert auch alle zwei Monate den Poetry Slam „Wo ist Hola?“ in der Sankt Peterskirche in Frankfurt. Im Februar konnte man diesen zum ersten Mal live über YouTube gestreamt anschauen und wer den Slam verpasst hat, der kann ihn sich auch danach noch ansehen. Die digitale Teilnahme an dem Slam ist kostenfrei, denn Marković hat die Erfahrung gemacht, dass die Hemmschwelle der Menschen zu hoch ist, für einen Stream, den sie sich vom Sofa aus ansehen, Geld auszugeben.

 

Sichtbarkeit in den Sozialen Medien

 

Künstler:innen trifft die langanhaltende Pandemie besonders hart, da sie nicht auftreten dürfen. Gerade deshalb ist es wichtig, über die sozialen Medien sichtbar zu bleiben, um sich den Menschen regelmäßig ins Gedächtnis zu rufen. Marković gibt jedoch zu, dass es ihm sehr schwerfällt, sich online selbst darzustellen und zu präsentieren.

"Ich komme mit dem kompletten Konstrukt nicht zurecht – diesem leicht ironischen, sich auf die Schippe nehmende und mit kleinen neumodischen Anglizismen unterfütterten Insta-Talk, den ich selbst teilweise gar nicht verstehe."

Deshalb hat er eine offizielle Website, „daliborpoesie“, auf der alle wichtigen Informationen zu ihm und seiner Arbeit zu finden sind. Marković postet in seinen sozialen Medien nur, wenn es etwas Wichtiges zu verkünden gibt. Zum Beilspiel Termine von Veranstaltungen oder die Ankündigung zu seinem neuen Roman »Pappel – Die Geschichte eines Herumtreibers«, der im September 2021 beim Verlag Voland & Quist veröffentlicht wurde.

 

Arbeit am Roman

 

Stolz berichtet Marković, dass er bereits im Dezember 2020 den Roman abgeschlossen und die erste Fassung an das Lektorat zur ersten Überarbeitung geschickt hat. Insgesamt hat er drei volle Jahre an dem Roman gearbeitet.

"Corona brachte im vergangenen Jahr einen großen Vorteil für mich, ich hatte viel mehr Zeit zum Schreiben."

Davor hat Marković jede sich bietende Zeit genutzt, um weiter an dem Roman zu schreiben, sei es im Zug, im Hotel, vor oder nach seinen Auftritten. Zeitweise ist er morgens um vier Uhr aufgestanden, um zwei bis drei Stunden an dem Roman zu arbeiten, bevor er seinen Sohn für die Schule fertiggemacht hat. Während des Schreibprozesses hat er gemerkt, wieviel Freude es ihm bereitet und was er bereit ist, an Energie und Zeit dafür aufzuwenden. In den letzten Monaten hat er fast jeden Tag geschrieben, auch an den Wochenenden und an Feiertagen.

Warum also schreibt ein gefeierter Poetry Slammer, der bekannt für seine kurzen, aber hoch explosiven Texte ist, nun einen ganzen Roman mit fast dreihundert Seiten? Marković erklärt, dass es keine Entscheidung war, viel mehr ein schleichender Prozess, eine Idee, die immer mehr Gestalt angenommen hat. Der Poet ist beim Verfassen neuer Bühnentexte irgendwann an einem Punkt angelangt, an dem seine Geschichten zu lang und komplex wurden, die Charaktere haben immer mehr Gestalt in seinem Kopf angenommen. Deshalb hat er den Entschluss gefasst, diese Geschichten und Charaktere nicht auf einer Bühne vorzutragen, sondern ihnen eine eigene Bühne in einem Roman zu geben.

Während des Schreibprozesses hatte er zwischenzeitlich seine Zweifel, ob er es schafft, den Roman fertig zu stellen. Das begründet Marković damit, dass es eine Charakterfrage eines jeden Kunstschaffenden sei, ob er sich dazu entscheidet, Gedichte und Bühnentexte zu schreiben die klein, kompakt und kurz sind, oder einen Roman, der mit seiner Komplexität im krassen Kontrast dazu steht.

"Der Roman ist ein wilder Husarenritt durch das vergangene Jahrhundert bis in die heutige Zeit. Konrad Pappel, ein ungewöhnlicher Protagonist, unternimmt eine abenteuerliche Reise, um die einzige Stimmaufnahme von Franz Kafka durch die Epochen zu tragen."

Nachdem er die Arbeit an seinem Roman abgeschlossen hat, freut er sich wieder darauf Bühnentexte, Gedichte oder etwas Rhythmisches zu schreiben. Genau das, was er während des Schreibens am Roman nicht ausleben konnte.

 

Zur Person:

Dalibor Marković wurde 1975 in Frankfurt geboren und wohnt dort immer noch. Seit über zwanzig Jahren ist der deutsche Poetry Slammer mit kroatischen Wurzeln sowohl auf deutschen als auch auf internationalen Bühnen unterwegs und begeistert das Publikum mit Texten, die eine außergewöhnliche Mischung aus Lyrik, Rap und Beatbox vereinen. 2014 werden Dominique Macri und Marković als „Team Scheller“ zum deutschsprachigen Poetry-Slam-Meister gekürt. 2016 ist sein Gedichtband »Und Sie schreiben auf Deutsch?« erschienen. Diesen Oktober folgte, ebenfalls erschienen beim Verlag Voland & Quist, sein Debütroman »Pappel – Die Geschichte eines Herumtreibers«.


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