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Was kann 'Climate Fiction'?

Mara Kirchmann schreibt darüber, wie die internationale Literaturbranche mit aktuellen literarischen Dystopien die Themen Klimabewusstsein und Nachhaltigkeit in den Blick nimmt – und dabei Zukunftsszenarien entwirft, in denen wir alle nicht leben wollen.
Erstellt am 10.11.2021


Beitrag von Mara Kirchmann

Wenn im letzten Jahr Waldbrände in der EU eine Fläche größer als Luxemburg vernichten, [1] während dieses Jahr die Menschen in Deutschland ein „Jahrhunderthochwasser“ [2] erleben und in Tschechien ein Tornado Tote fordert, [3] dann könnte man glatt meinen, 2021 wäre der Titel eines neuen dystopischen Romans aus der Feder von Atwood & Co. Und auch der aktuelle Weltklimabericht des ‘Intergovernmental Panel on Climate Change’ (IPCC) [4] entwirft als Zukunftsperspektive bestimmt kein goldenes Utopia, sondern zeigt deutlich: Das Schlimmste kommt noch.

Derartige apokalyptische Töne zur Klimakrise finden auch ihren Weg in die Literatur, wie der internationale Buchmarkt zeigt: Von Helene Bukowskis »Milchzähne« (2019), über John Lanchesters »The Wall« (2019) bis hin zu Bruno Arpaias »Qualcosa, là fuori« (2018) verhandeln aktuelle Dystopien immer öfter als sogenannte ‘Climate-Fiction’ (cli fi) „as its major theme the immediate effects and wider ramifications of global warming.“ [5]. Dazu veranstaltete das Literaturhaus Berlin 2020 sogar ein mehrtägiges Festival [6] – die inzwischen als eigenes Genre [7] geltende ‘Cli Fi’ trifft also einen Nerv der Zeit und zeigt: Die Literaturbranche kann nicht nur in ihrer Produktion, sondern gerade auch inhaltlich das Thema Klimakrise und Nachhaltigkeit in den Fokus rücken.

Jetzt ließe sich die ketzerische Frage stellen, wem das nützen soll? Dass Verlage CO2 einsparen und klimaneutrales Papier nutzen (sollten), leuchtet ja sofort ein. Aber vom Bücherlesen wachsen bekanntlich keine neuen Bäume – im Gegenteil – und wieso sollte man sich auch noch in seiner Freizeit mit etwas beschäftigen, das in den Nachrichten ohnehin deprimierendes Dauerthema ist? Das von uns Bücherliebhaber:innen oft so geschätzte Eintauchen in eine fremde, neue Welt ist in der ‘Cli Fi’ jedenfalls kaum möglich – dafür scheint diese oft düstere Literatur unserer Realität einfach zu nah zu sein. Und genau das ist natürlich Sinn der Sache.

Dass Literatur schließlich viel mehr zu bieten hat als Eskapismus, wissen wir alle. Eins ihrer Potenziale ist zum Beispiel das kritisch-künstlerische Verhandeln ihrer Entstehungszeit oder das fiktive Durchspielen von (Zukunfts-)Szenarien. Gerade das Genre der Dystopie bietet sich dafür an: Es reagiert auf zeitgenössische Krisen und reflektiert problematische Verhaltensweisen der Gesellschaft, indem es diese in einem ‘worse place’, also in einer schlechteren fiktiven Welt im Vergleich zur realen Gegenwart, unter Berücksichtigung aller Konsequenzen zu Ende denkt. [8] Dystopien wollen damit warnen und wachrütteln und bei jeder/m Einzelnen den Gedanken anstoßen: Was läuft gerade falsch und was muss sich verändern, damit das Schreckensszenario zwischen zwei Buchdeckeln eingesperrt bleibt und nicht den Weg in die Realität findet? Was in den klassischen Dystopien wie George Orwells »1984« die Angst vor einem totalitären Big Brother war oder sich bei Aldous Huxleys »Brave New World« als Kritik an der kapitalistischen Spaßgesellschaft gezeigt hat, sind in der heutigen ‘Cli Fi’ die Warnungen vor den Folgen der Klimakrise. Als „fiktionales Probehandeln“ [9] spielen Klimawandel-Dystopien dabei die Antworten auf verschiedene Fragen durch: Wie sähe unsere Gesellschaft in einem ökologischen ‘worst case’ aus? Was bedeuten in einer solchen Welt noch Statussymbole wie Mercedes oder Aktien? Und was steht auf dem Spiel, was würden wir in einem solchen Szenario verlieren? Verfolgen wir als Gesellschaft gerade den richtigen Weg oder sollten wir unsere Prioritäten noch einmal überdenken?

Klingt erstmal ziemlich pädagogisch – und ja, Dystopien im Allgemeinen und ‘Climate Fiction’ im Besondern wollen Einfluss nehmen: „’cli fi’ ist Literatur mit Haltung und ein offener Zugang zur wichtigsten Herausforderung unserer Zeit.“ [10] Dass diese Literatur aber keine trockene Moralkeule ist, sondern ebenso fesselnd wie andere Genres sein kann, zeigen aktuelle Beispiele wie Lanchesters »The Wall«: Hier begegnen wir einer Welt, in der durch den Anstieg der Meeresspiegel weite Teile des Planeten unbewohnbar geworden sind. Die Menschheit kämpft entsprechend verbissen um das verbliebene Festland wie Großbritannien, dem Schauplatz des Romans. Das schließt all jene Klimaflüchtende, „Others“ genannt, kategorisch aus, die in verzweifelten Angriffen versuchen, die titelgebende Mauer zu überwinden, die die gesamte Insel abschirmt. Auf dieser Mauer wiederum müssen alle Bewohner:innen Großbritanniens zwangsweise zwei Jahre lang Wehrdienst ableisten, was konkret bedeutet: Jede:n erschießen, der sich der Mauer nähert. Denn gelingt während der eigenen Schicht fremden Eindringlingen das Überwinden, wird man an ihrer Stelle auf dem offenen Meer dem Überlebenskampf ausgesetzt. Das sprichwörtliche Boot scheint in dieser fiktiven Welt also tatsächlich voll zu sein. Einzige Ausnahme von der gefährlichen Wehrpflicht ist: Nachwuchs zeugen. Doch das will in einer Welt am Abgrund verständlicherweise kaum noch jemand. Ohnehin sind die Generationen miteinander verstritten. Die Jüngeren werfen den Älteren Versagen und Egoismus vor, weil diese die Welt noch hätten retten können und schuld am katastrophalen Heute sind. Man merkt: Typisch für Dystopien werden auch in »The Wall« bereits vorhandene Tendenzen aus unserer Gegenwart – von Klimakatastrophen bis Trumpismus – in einem möglichen Szenario überspitzt. Welche Auswirkungen Ressourcen- und Bodenknappheit für unsere menschlichen Werte und Charakterzüge als Individuen und als Gesellschaft haben könnten, spielt der Roman dabei gnadenlos durch.

Wenn man am Ende aus dieser Welt wieder auftaucht, ist man also zugegebenermaßen ein bisschen fertig. Und das ist mit Blick auf die Frage nach dem Sinn von Klimawandel-Dystopien auch gut so. Denn aller wissenschaftlicher Papers und aktivistischer Appelle zum Trotz ist die Wichtigkeit der Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz bei Weitem noch nicht bei allen Menschen gleichermaßen angekommen – geschweige denn bei allen politischen Entscheidungsträger:innen. Vielleicht kann die ‘Cli Fi’ hier einen Beitrag leisten, denn Literatur vermag, was anderen Disziplinen nicht vergönnt ist: Fern von Statistiken und abstrakten Zahlen Szenarien zu erschaffen, die nicht nur an den Verstand, sondern auch an die Emotionen der Leser:innen appellieren, was einen zusätzlichen Zugang bedeutet; ein so realitätsnahes Schreckensszenario zu entwerfen, dass man ausnahmsweise einmal froh ist, am Ende ein Buch zuschlagen und in die eigene Welt zurückkehren zu können – und dann beginnt, darüber nachzudenken, was man tun kann, damit das auch in Zukunft so bleibt.

[1] Vgl. https://germany.representation.ec.europa.eu/news/waldbrande-340000-hektar-verbrannter-wald-der-eu-im-jahr-2020-2021-10-29_de

[2] https://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/337277/jahrhunderthochwasser-2021-in-deutschland

[3] Vgl.https://www.tagesschau.de/ausland/europa/tschechien-tornado-tote-verletzte-101.html

[4] https://www.ipcc.ch/

[5] Bernice M. Murphy: Key Concepts in Contemporary Popular Fiction, Edinburg University Press 2017, S. 31.

[6] https://www.climate-fiction-festival.de/index.html

[7]https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-literatur-dystopie-1.5346178

[8] Vgl. Lyman Tower Sargent: »The Three Faces of Utopianism Revisited«, in: Utopian Studies 5,1/1994, S. 1–37, hier S. 9.

[9] Wilhelm Vosskamp: »Möglichkeitsdenken. Utopie und Dystopie in der Gegenwart. Einleitung«, in: Möglichkeitsdenken. Utopie und Dystopie in der Gegenwart, hg. v. Wilhelm Vosskamp, Günter Blamberger und Martin Roussel, München 2013, S. 13-30, hier S. 23.

[10] https://www.climate-fiction-festival.de/index.html

 

Dieser Blogpost erscheint im Rahmen des Nachhaltigkeits-Novembers, einer Initiative des [ˈnaːxvuːks]blogs.


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